Locus of Control: Warum manche Menschen an Krisen wachsen und andere zerbrechen
Dieselbe Katastrophe. Trotzdem geht der eine gestärkt daraus hervor und der andere bricht ein. Die Psychologie kennt einen Grund dafür, und er liegt nicht im Ereignis selbst.
Zwei Menschen verlieren am selben Tag ihren Job. Gleiche Branche, gleiche Position, gleiche Abfindung. Sechs Monate später hat die eine Person eine neue Stelle, ein erweitertes Netzwerk und nebenbei eine Weiterbildung begonnen. Die andere Person sitzt noch immer zu Hause, überzeugt davon, dass der Arbeitsmarkt gegen sie sei, die Wirtschaft kaputt und das Pech an ihr klebe.
Das Ereignis war identisch. Die Reaktion nicht. Und genau diese Lücke zwischen Ereignis und Reaktion beschäftigt die Psychologie seit Jahrzehnten. Eine der robustesten Antworten heisst Locus of Control, übersetzt Kontrollüberzeugung. Sie beschreibt, wem oder was du die Ursache der Dinge in deinem Leben zuschreibst: dir selbst oder den Umständen. Diese eine Überzeugung sagt erstaunlich präzise voraus, wer an einer Krise wächst und wer daran zerbricht.

Was Locus of Control bedeutet
Den Begriff prägte der amerikanische Psychologe Julian B. Rotter. Er entwickelte das Konzept ab den 1950er-Jahren im Rahmen seiner sozialen Lerntheorie und fasste es 1966 in einer einflussreichen Monografie zusammen. Rotter führte den Begriff in den 1950er-Jahren als Teil der sozialen Lerntheorie ein und vertrat die These, dass Erwartungen über Kontrolle Motivation und Verhalten beeinflussen.
Im Kern geht es um eine einfache Frage: Glaubst du, dass dein Handeln die Ergebnisse deines Lebens bestimmt, oder glaubst du, dass äussere Kräfte über dich entscheiden? Der Locus of Control bezeichnet das Ausmass, in dem ein Mensch glaubt, Kontrolle über die Ereignisse und Ergebnisse in seinem Leben zu haben.
Rotter unterschied zwei Pole. Menschen mit einer internen Kontrollüberzeugung sind überzeugt, dass ihre eigenen Anstrengungen und Entscheidungen ihre Ergebnisse direkt beeinflussen. Wer eine interne Kontrollüberzeugung besitzt und eine Beförderung erhält, schreibt das der eigenen harten Arbeit zu, und wer scheitert, konzentriert sich darauf, die eigenen Bemühungen zu verbessern. Menschen mit einer externen Kontrollüberzeugung dagegen führen dieselben Ereignisse auf Glück, Schicksal, Zufall oder mächtige andere zurück.
Wichtig ist ein Punkt, den viele Ratgeber unterschlagen: Es handelt sich nicht um zwei Schubladen, sondern um ein Spektrum. Der Locus of Control liegt auf einem Kontinuum, und kaum jemand befindet sich vollständig am einen oder anderen Extrem. Niemand ist rein intern oder rein extern. Du bewegst dich irgendwo auf dieser Achse, und die Position kann je nach Lebensbereich variieren.
Die Forschungslage ist eindeutig, aber nicht simpel
Wenn du die Studienlage der letzten fünfzig Jahre überfliegst, zeichnet sich ein klares Muster ab. Eine internale Kontrollüberzeugung geht mit besserer psychischer Gesundheit, mehr Durchhaltevermögen und höherer Stressresistenz einher.
Der Locus of Control beeinflusst, wie Menschen mit Herausforderungen umgehen, Entscheidungen treffen und ihre psychische Gesundheit erhalten. Eine interne Ausrichtung ist oft mit Selbstvertrauen und Beharrlichkeit verbunden, während eine externe Ausrichtung zu Hilflosigkeit oder Angst führen kann. Diese Verbindung ist gut belegt. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen mit einer eher internen Kontrollüberzeugung Stress besser bewältigen, gesündere Verhaltensweisen zeigen und akademisch oder beruflich besser abschneiden.
Der Mechanismus dahinter ist nachvollziehbar. Eine interne Kontrollüberzeugung reduziert Angst zum Teil deshalb, weil sie die Zukunft navigierbarer erscheinen lässt. Wer glaubt, wirksam handeln zu können, empfindet Unsicherheit als weniger bedrohlich. Eine externe Kontrollüberzeugung verstärkt Angst, weil die Zukunft unkontrollierbar wirkt und Ergebnisse willkürlich erscheinen. Die Krise verändert sich nicht, aber die wahrgenommene Handlungsfähigkeit verändert alles.
Besonders aussagekräftig wird das Bild im Kontext echter Katastrophen. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 untersuchte den Zusammenhang zwischen Kontrollüberzeugung und posttraumatischer Belastungsstörung bei Katastrophenüberlebenden. Menschen mit einer robusten internen Kontrollüberzeugung zeigen tendenziell ein besseres posttraumatisches Wachstum und eine geringere Wahrscheinlichkeit, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Die Übersichtsarbeit fasst zusammen: Die interne Kontrollüberzeugung fördert die Widerstandsfähigkeit gegenüber Schwierigkeiten und scheint ein Schutzfaktor gegen Trauma zu sein.
Dieselbe Logik zeigt sich in ganz unterschiedlichen Stichproben. Bei Brustkrebs-Überlebenden, bei Spitzensportlern, bei Pflegepersonal während der Covid-Pandemie. Überall taucht das gleiche Muster auf: Wer das Steuer in der eigenen Hand wähnt, kommt durch die Krise stabiler hindurch.
Wachstum durch Trauma: das Phänomen der posttraumatischen Reifung
Resilienz wird oft missverstanden als Rückkehr zum Ausgangszustand. Du fällst, du stehst wieder auf, du bist wieder da, wo du vorher warst. Doch es gibt ein Phänomen, das darüber hinausgeht, und es trägt den Namen posttraumatisches Wachstum, im Englischen Post-Traumatic Growth.
Den Begriff prägten die Psychologen Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun an der University of North Carolina in den 1990er-Jahren. Posttraumatisches Wachstum ist die positive psychologische Veränderung, die manche Menschen nach einer Lebenskrise oder einem traumatischen Ereignis erleben. Der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, das Leid wegzureden. Posttraumatisches Wachstum leugnet tiefen Schmerz nicht, sondern besagt, dass Widrigkeit unbeabsichtigt zu Veränderungen im Verständnis von sich selbst, anderen und der Welt führen kann. Posttraumatisches Wachstum kann sogar gemeinsam mit einer posttraumatischen Belastungsstörung bestehen.
Tedeschi und Calhoun beschrieben fünf Bereiche, in denen dieses Wachstum auftritt. Überlebende erkennen neue Möglichkeiten und ergreifen sie. Sie bauen engere Beziehungen zu nahestehenden Menschen auf. Sie entwickeln innere Stärke aus dem Wissen, etwas Schweres überstanden zu haben. Sie gewinnen eine tiefere Wertschätzung für das Leben. Und manche erleben eine spirituelle Veränderung.
Der Unterschied zwischen blosser Erholung und echtem Wachstum liegt im Erholungspunkt. Der Unterschied zwischen Resilienz und Aufblühen liegt im Erholungspunkt. Aufblühen geht über die Resilienz hinaus und beinhaltet, innerhalb der Herausforderung einen Gewinn zu finden. Resilienz bringt dich zurück. Wachstum bringt dich weiter.
Doch nicht jeder erlebt dieses Wachstum, und hier kommt die Kontrollüberzeugung erneut ins Spiel. Die Forschung zeigt, dass die Art der Bewältigung darüber entscheidet. Posttraumatisches Wachstum tritt am häufigsten bei Menschen auf, die Herausforderungen aktiv angehen, statt sie zu vermeiden. Wer Probleme mit der Haltung angeht, sie zu lösen, erzielt grössere Wachstumsergebnisse als jemand, der Herausforderungen eher meidet.
Genau diese aktive Bewältigung ist das Kennzeichen einer internen Kontrollüberzeugung. Ein Mensch, der glaubt, etwas bewirken zu können, geht auf das Problem zu. Ein Mensch, der sich als Spielball äusserer Kräfte sieht, weicht aus. Und Ausweichen verhindert Wachstum.
Warum interne Kontrolle schützt: die Mechanik dahinter
Es reicht nicht, festzustellen, dass interne Kontrollüberzeugung hilft. Interessanter ist die Frage, warum. Drei Mechanismen greifen ineinander.
Aktive statt vermeidende Bewältigung
Wer überzeugt ist, dass Handeln etwas verändert, handelt auch. Diese Person sucht Lösungen, holt sich Feedback und bleibt an Aufgaben dran. Menschen mit externer Kontrollüberzeugung zeigen tendenziell weniger Beharrlichkeit bei Aufgaben. Sie suchen seltener Feedback und haben dadurch oft ungenauere Selbsteinschätzungen. Die Bewältigungsstrategie wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Wer handelt, sammelt Erfolgserlebnisse, die wiederum die Überzeugung stärken, etwas bewirken zu können.
Selbstwirksamkeit als Verstärker
Eng verbunden mit der Kontrollüberzeugung ist die Selbstwirksamkeit, ein Konzept von Albert Bandura. Selbstwirksamkeit ist der Glaube, eine konkrete Aufgabe erfolgreich bewältigen zu können. Eine Studie an Primarschulkindern untersuchte, wie Kontrollüberzeugung, Selbstwirksamkeit und Resilienz zusammenhängen. Das Ergebnis: Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit sind bedeutsame Prädiktoren für alle Dimensionen der Resilienz, wobei die Selbstwirksamkeit den Zusammenhang zwischen Kontrollüberzeugung und Resilienz teilweise vermittelt.
Anders gesagt: Die interne Kontrollüberzeugung wirkt zu einem Teil über die Selbstwirksamkeit. Du glaubst nicht nur abstrakt, dass dein Handeln zählt, du traust dir auch konkret zu, die nächste Aufgabe zu meistern. Diese Kombination ist der eigentliche Motor der Widerstandsfähigkeit.
Die Zukunft wird navigierbar
Der dritte Mechanismus betrifft die Emotion. Eine Krise erzeugt Unsicherheit, und Unsicherheit erzeugt Angst. Wer glaubt, Einfluss zu haben, erlebt die offene Zukunft als Gestaltungsraum. Wer sich ausgeliefert fühlt, erlebt dieselbe Zukunft als Bedrohung. Das Ereignis ist neutral, die Bewertung macht den Unterschied. Genau an dieser Bewertung setzt jede wirksame Intervention an.
Die Schattenseite: wenn interne Kontrolle zur Falle wird
Hier wird es unbequem, denn die meisten Ratgeber verkaufen interne Kontrollüberzeugung als reines Wundermittel. Das ist sie nicht. Eine zu stark ausgeprägte interne Ausrichtung hat eine dunkle Kehrseite.
Der Glaube an die eigene Fähigkeit, Ergebnisse zu beeinflussen, kann gesundes Verhalten und Genesung fördern. Doch übermässige Internalität kann zu Selbstvorwürfen führen, wenn Ergebnisse unkontrollierbar sind. Wer überzeugt ist, alles selbst in der Hand zu haben, gibt sich auch dann die Schuld, wenn die Ursachen ausserhalb der eigenen Reichweite liegen.
Stell dir jemanden vor, der eine Krebsdiagnose erhält und überzeugt ist, sie selbst verschuldet zu haben. Oder jemanden, der bei einer Massenentlassung gehen muss und das als persönliches Versagen verbucht, obwohl die Entscheidung in einer Konzernzentrale auf einem anderen Kontinent fiel. Diese Selbstzuschreibung ist nicht heilsam, sondern toxisch.
Die Forschung ist hier differenziert. Wenn die Umstände tatsächlich unkontrollierbar sind, kann eine interne Kontrollüberzeugung zu übermässigen Selbstvorwürfen, zum Verhaften am Unmöglichen und zu verstärktem Leiden führen. Ein Befund aus der Forschung an Kriegsveteranen macht das besonders deutlich. Untersuchungen an Veteranen ergaben, dass jene, die Situationen extremer Hilflosigkeit überlebten, etwa Gefangenschaft oder bestimmte Kampferfahrungen, psychologisch manchmal mit einer eher externen Ausrichtung besser zurechtkamen, weil sie Ergebnisse den Umständen statt dem persönlichen Versagen zuschrieben.
Das ist ein entscheidender Punkt. In einer Situation, in der du objektiv keine Kontrolle hast, ist es gesünder, das anzuerkennen, als dir Allmacht einzubilden und an der eigenen Ohnmacht zu zerbrechen.
Hinzu kommt eine kulturelle Dimension, die in der westlichen Selbstoptimierungsliteratur gerne ausgeblendet wird. In kollektivistischen Kulturen ist eine externe Kontrollüberzeugung, die sich auf soziale Beziehungen bezieht, etwa die Vorstellung, dass die eigenen Ergebnisse von der Gemeinschaft abhängen, oft nicht pathologisch, sondern spiegelt ein zutreffendes und anpassungsfähiges Verständnis der sozialen Welt wider. Was in einer individualistischen Gesellschaft wie ein Defizit aussieht, ist in einem anderen Kontext schlicht eine realistische Einschätzung.
Und schliesslich gibt es strukturelle Realitäten. Ein bislang wenig beachteter Faktor ist, wie die Kontrollüberzeugung eines Menschen durch Systeme von Ungerechtigkeit geformt wird, etwa durch institutionellen Rassismus oder Geschlechterdiskriminierung. Wenn jemand eine Beförderung nicht erhält, weil die vorgesetzte Person diskriminiert, dann ist die Zuschreibung an äussere Faktoren keine Ausrede, sondern eine korrekte Beschreibung. Nicht jede externe Zuschreibung ist Selbstbetrug. Manchmal ist die Welt tatsächlich so.
Die reife Haltung liegt also nicht im Extrem, sondern in der Unterscheidung. Das Ziel ist eine ausgewogene, aber überwiegend interne Ausrichtung, die den Unterschied zwischen dem Veränderbaren und dem Unveränderlichen erkennt und so gesundes Engagement und emotionale Regulation unterstützt.
Gelernte Hilflosigkeit: das Gegenstück zum Wachstum
Wenn interne Kontrolle der Weg zum Wachstum ist, dann führt der Verlust von Kontrolle in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Phänomen erforschte Martin Seligman ab Ende der 1960er-Jahre und nannte es gelernte Hilflosigkeit.
Seligmans berühmtes Experiment ist hart, aber lehrreich. Er setzte Tiere wiederholt unkontrollierbaren, unausweichlichen Reizen aus. Als sie später die Möglichkeit hatten, dem Reiz zu entkommen, taten sie es nicht mehr. Sie hatten gelernt, dass nichts, was sie taten, ihre Situation beeinflussen konnte, und gaben einfach auf. Sie blieben passiv liegen und unternahmen keinen Versuch, sich zu bewegen. Sie hatten gelernt, hilflos zu sein, selbst wenn sie es gar nicht waren.
Das Beunruhigende: Dieses Muster überträgt sich auf Menschen. Gelernte Hilflosigkeit erklärt, warum Menschen in negativen Situationen passiv bleiben und sie akzeptieren, obwohl sie sie eindeutig ändern könnten. Seligman argumentierte, dass infolge dieser negativen Erwartungen weitere Konsequenzen auftreten können, darunter geringes Selbstwertgefühl, chronisches Versagen, Traurigkeit und körperliche Erkrankung.
Gelernte Hilflosigkeit ist gewissermassen die externe Kontrollüberzeugung in ihrer schädlichsten Form. Das Gefühl, dass die eigenen Umstände nicht auf das eigene Handeln reagieren, deckt sich direkt mit den Modellen gelernter Hilflosigkeit zur Erklärung von Depression. Die kognitive Verhaltenstherapie zielt explizit auf externe und fatalistische Zuschreibungen als aufrechterhaltende Faktoren der Depression ab.
Doch Seligmans Experiment hatte ein oft übersehenes Detail, das Hoffnung macht. Nicht alle Tiere der Versuchsgruppe entwickelten gelernte Hilflosigkeit. Einige, die zuvor herausfordernde Bedingungen erlebt und gelernt hatten, sich selbst zu behaupten, sprangen weiterhin in Sicherheit, sobald sich die Gelegenheit bot. Sie konnten die unkontrollierbare Erfahrung in einen breiteren Kontext einordnen und behielten ihr Kontrollgefühl, weil sie bereits mehr von der Welt erlebt hatten.
Frühere Bewältigungserfahrungen impfen also gegen Hilflosigkeit. Wer schon einmal etwas Schweres aus eigener Kraft überstanden hat, trägt diesen Beweis mit sich. Und das führt zur vielleicht wichtigsten Frage dieses Beitrags.
Kann man den Locus of Control verschieben?
Die kurze Antwort lautet: Ja. Die Kontrollüberzeugung ist keine angeborene, unveränderliche Eigenschaft. Sie ist eine erlernte Erwartungshaltung, und was gelernt wurde, lässt sich umlernen.
Schon Rotter selbst betonte das. Rotter legte Wert auf den veränderbaren Charakter der Kontrollüberzeugung, was Hoffnung auf Interventionen zur Entwicklung anpassungsfähigerer Überzeugungssysteme gibt. Die Kontrollüberzeugung prägt Handlungen, nicht Persönlichkeiten. Es handelt sich um eine Verhaltensorientierung, die nicht dauerhaft ist. Menschen können sie durch Erfahrung und Bildung verändern.
Die aktuelle Forschung bestätigt das. Obwohl die Kontrollüberzeugung als relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal gilt, gibt es Belege dafür, dass das Konstrukt eine dynamische Qualität hat und mit geeigneten Interventionen veränderbar ist.
Eine der wirksamsten Methoden heisst attributionales Umlernen. Attributionales Umlernen ist eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Intervention, die darauf abzielt, die Zuschreibungen oder Erklärungen für Ereignisse von äusseren auf innere Faktoren zu verschieben. Du veränderst also gezielt, wie du dir Erfolg und Misserfolg erklärst. Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet genau hier. Sie kann externe Kontrollüberzeugungen herausfordern und verändern und Menschen ermutigen, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern.
Praktische Strategien zur Stärkung der internen Kontrolle
Aus der Forschung lassen sich konkrete Ansatzpunkte ableiten. Keine Affirmationsfloskeln, sondern Hebel, die nachweislich an der Kontrollüberzeugung ansetzen.
Trenne das Veränderbare vom Unveränderlichen. Die reife interne Kontrollüberzeugung ist nicht der Glaube, alles kontrollieren zu können. Sie ist die Fähigkeit, scharf zu unterscheiden, worauf du Einfluss hast und worauf nicht. Bei jedem Problem lohnt die Frage: Was liegt in meiner Hand, was nicht? Energie gehört ausschliesslich in die erste Kategorie.
Sammle Beweise aus deiner eigenen Geschichte. Erinnere dich an Situationen, in denen dein Handeln den Ausgang verändert hat. Lerne aus Erfahrungen, besonders aus solchen, in denen du eine aktive Rolle beim Ergebnis hattest. Aus Erfolgen und Misserfolgen zu lernen, fördert eine interne Kontrollüberzeugung. Diese gespeicherten Beweise sind die Impfung gegen gelernte Hilflosigkeit.
Setze kleine, beeinflussbare Ziele. Selbstwirksamkeit wächst durch Erfolgserlebnisse. Wer in der Krise erst die kleinen, machbaren Schritte angeht, baut den Beweis auf, dass Handeln wirkt. Dieser Beweis trägt dann die grösseren Schritte.
Gehe auf Probleme zu, statt ihnen auszuweichen. Aktive Bewältigung ist der dokumentierte Pfad zum Wachstum. Vermeidung fühlt sich kurzfristig sicherer an und verhindert langfristig genau die Reifung, die aus der Krise möglich wäre.
Hole dir bei Bedarf professionelle Unterstützung. Attributionales Umlernen und kognitive Verhaltenstherapie sind keine Selbsthilfe-Tricks, sondern strukturierte Verfahren. Wer in einer tiefen Krise steckt, muss den Weg nicht allein gehen.
Ein letzter, oft unterschätzter Faktor ist die Umgebung. Umweltfaktoren wie persönliche Beziehungen, Unterstützung durch Familie und Freunde sowie das soziale Umfeld und finanzielle Ressourcen prägen das Erleben einer Lebenskrise und ihre Folgen, ebenso wie persönliche Faktoren wie Selbstwirksamkeit, Optimismus und frühere Krisenerfahrung. Kontrollüberzeugung entsteht nicht im luftleeren Raum. Wer ein tragendes Umfeld hat, kann die eigene Handlungsfähigkeit leichter erfahren und stabilisieren.
Abschliessende Gedanken
Ich halte die populäre Lesart von Locus of Control für gefährlich verkürzt. Auf LinkedIn und in tausend Selbstoptimierungs-Threads wird die Botschaft auf einen Satz eingedampft: Übernimm Verantwortung, dann läuft es. Das ist nicht falsch, aber es ist eine Halbwahrheit, und Halbwahrheiten richten oft mehr Schaden an als offene Lügen.
Die ehrliche Version lautet anders. Eine interne Kontrollüberzeugung ist ein mächtiger Schutzfaktor, solange sie sich auf das Veränderbare richtet. In dem Moment, in dem sie sich auf das Unkontrollierbare ausweitet, kippt sie in ihr Gegenteil. Dann wird aus dem Gestalter ein Selbstankläger, der sich für die Diagnose, die Rezession oder die Diskriminierung verantwortlich macht, die er nie zu verantworten hatte. Die Veteranen-Forschung sollte jeden demütig machen, der Kontrolle pauschal als Tugend predigt. Manchmal ist es die gesündere Reaktion, zu sagen: Das lag nicht an mir.
Was mich an diesem Konzept aber wirklich überzeugt, ist die Veränderbarkeit. Kontrollüberzeugung ist kein Schicksal, sie ist eine Gewohnheit des Denkens. Und genau das macht sie zur Verantwortung. Wenn ich weiss, dass ich meine Zuschreibungen trainieren kann, dann kann ich mich nicht mehr hinter dem Satz verstecken, ich sei eben so. Die Person, die nach der Kündigung sechs Monate auf dem Sofa sitzt und die Wirtschaft beschuldigt, hat in den allermeisten Fällen keine schlechteren Karten als die andere. Sie hat eine andere Geschichte darüber, wer die Karten austeilt.
Krisen kommen. Das ist keine Frage. Die einzige Frage, die du beeinflussen kannst, ist, welche Erklärung du dir für sie zurechtlegst, sobald der erste Schock vorbei ist. Wer an Krisen wächst, ist selten der mit dem leichteren Schicksal. Es ist der, der nach dem Sturz hinschaut und fragt: Was davon kann ich beim nächsten Mal anders machen? Das ist keine Garantie, und es ist kein Heilsversprechen. Aber es ist der einzige Hebel, den du tatsächlich in der Hand hältst. Und den nicht zu nutzen, wäre die einzige Niederlage, die du dir wirklich selbst zuschreiben müsstest.
Hinweis: Dieser Beitrag behandelt psychologische Konzepte und ersetzt keine therapeutische Beratung. Wer unter anhaltender Belastung, Hilflosigkeit oder depressiven Symptomen leidet, sollte professionelle Unterstützung suchen.
Quellen
Locus of Control Theory In Psychology: Internal vs External (Simply Psychology)
Locus of Control: How Beliefs About Agency Shape Your Mental Health (Simply Psychology)
Post-Traumatic Growth: Finding Hope in Adversity (American Institute of Stress)
The Importance Of An Internal Locus Of Control To Prevent Learned Helplessness
Empowering Mindset Shifts: The Psychology of Locus of Control (MindfulSpark)
Internal vs External Locus of Control: 7 Examples & Theories (PositivePsychology.com)
Locus of Control: How Pupils’ Beliefs About Success (Structural Learning)
Locus of Control: A Critical Dimension of Talent (D. Brown Management)
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