Warum kluge Menschen an Verschwörungstheorien glauben: Die unterschätzte Macht der kognitiven Kontrolle
Intelligenz schützt nicht vor Verschwörungsglauben. Die Forschung zeigt, weshalb gerade gebildete Köpfe einfache Antworten auf komplexe Fragen suchen.
Ein promovierter Physiker, der an Chemtrails glaubt. Eine Hausärztin, die ihren Patienten erzählt, das Bundesamt für Gesundheit vertusche die wahren Impfschäden. Ein IT-Architekt mit ETH-Abschluss, der überzeugt ist, dass eine globale Elite die Weltbevölkerung digital versklaven will. Diese Beispiele sind keine Ausnahmen, sondern dokumentierte Fälle. Sie irritieren, weil sie unserem Bild widersprechen: Wer klug ist, müsste doch klar erkennen, wenn Argumente lückenhaft sind, Quellen fragwürdig und Schlussfolgerungen abenteuerlich.
Die Forschung der letzten zwanzig Jahre zeichnet ein anderes Bild. Bildung und Intelligenz schützen nicht zuverlässig vor Verschwörungsglauben. Manchmal verstärken sie ihn sogar. Wer verstehen will, warum kluge Menschen an Verschwörungstheorien glauben, muss sich von der bequemen Vorstellung verabschieden, es handle sich um ein Problem mangelnder Aufklärung. Es geht um etwas Grundlegenderes: um das Bedürfnis, in einer unübersichtlichen Welt die Kontrolle zu behalten.

Das Paradox der gebildeten Verschwörungsgläubigen
Eine populäre Annahme lautet: Wer Verschwörungstheorien glaubt, hat zu wenig gelernt, zu wenig gelesen, zu wenig analytisches Werkzeug. Diese Annahme ist empirisch nur teilweise haltbar. Eine umfassende Studie der University of Kent kam zu einem Befund, der intuitiv kaum zu glauben ist: Bei Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen erhöhte höhere Bildung die Wahrscheinlichkeit, an Verschwörungstheorien zu glauben, anstatt sie zu senken. Die Forschenden zeigten, dass höhere Bildung und STEM-Bildung mit niedrigeren Niveaus von Verschwörungsglauben assoziiert waren, jedoch alle signifikanten Moderationen darauf hinwiesen, dass für narzisstische Individuen Bildung ihre Wahrscheinlichkeit erhöhte, Verschwörungsglauben anzunehmen, entgegen der Erwartung.
Diese Erkenntnis kratzt am Selbstbild der Aufklärung. Wir haben uns daran gewöhnt zu denken, dass Wissen ein Schutzschild gegen Irrationalität sei. Doch Wissen ist ein Werkzeug. Es kann dazu dienen, Wahrheit zu finden. Es kann genauso gut dazu dienen, vorhandene Überzeugungen zu rationalisieren. Wer intelligenter ist, kann komplexere Begründungen für falsche Annahmen bauen.
Karen Douglas und ihr Team an der University of Kent haben in ihrer vielzitierten Übersichtsarbeit eine andere Spur verfolgt: nicht Intelligenz, sondern Denkstil. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 zeigt, dass ein intuitiver Denkstil nicht mit Intelligenz korreliert. Auch sehr kluge Menschen können also anfällig für Verschwörungsglauben sein, wenn sie eher zu schnellem, intuitivem Denken neigen. Daniel Kahnemans Unterscheidung zwischen System 1 (schnell, automatisch, emotional) und System 2 (langsam, analytisch, anstrengend) liefert dafür den Rahmen. Intelligente Menschen können sich genauso bequem auf System 1 verlassen wie weniger gebildete. Sie tun das oft sogar häufiger, weil sie auf ihre Intuition vertrauen.
Kontrollverlust als Auslöser: Was Whitson und Galinsky entdeckten
Die wohl einflussreichste Studie zur Psychologie von Verschwörungsglauben stammt aus dem Jahr 2008. Jennifer Whitson und Adam Galinsky publizierten in der Fachzeitschrift Science eine Reihe von sechs Experimenten, die einen einfachen Mechanismus zeigten. Teilnehmende, denen Kontrolle fehlte, nahmen eher eine Vielzahl illusorischer Muster wahr, einschliesslich Bilder im Rauschen, illusorischer Korrelationen in Börseninformationen, wahrgenommener Verschwörungen und entwickelter Aberglauben.
Die Versuchsanordnung war elegant. Eine Gruppe musste sich an eine Situation erinnern, in der sie die Kontrolle verloren hatte. Eine andere Gruppe an eine Situation der Selbstbestimmung. Danach legten die Forschenden den Teilnehmenden verrauschte Bilder vor. Manche enthielten verborgene Strukturen, andere zeigten reines Rauschen. Die Gruppe mit Kontrollverlust sah Strukturen, wo keine waren. Sie sah Verschwörungen in neutralen Geschichten. Sie entwickelte abergläubische Verknüpfungen zwischen unzusammenhängenden Ereignissen.
Whitson und Galinsky lieferten damit eine kausale Erklärung. Nicht Dummheit, nicht Unwissen, sondern das Erleben von Kontrollverlust treibt Menschen dazu, in zufälligen Mustern Bedeutung zu sehen. Das Gehirn hasst Unsicherheit. Wenn die Welt unverständlich wird, baut es sich eine Geschichte zurecht. Eine Verschwörung ist eine Geschichte. Eine gut gemachte Verschwörung erklärt scheinbar alles.
Die Studie zeigte auch einen Ausweg. Whitson und Galinskys Arbeit deutet darauf hin, dass die Neigung, irreführende Muster zu sehen, dadurch entgegengewirkt werden kann, dass Menschen mit einem grösseren Gefühl von Sicherheit und Kontrolle ausgestattet werden. Wer seinen Werten und seiner Selbstwirksamkeit nahekommt, sieht weniger Phantome. Diese Erkenntnis hat Konsequenzen für die Frage, wie man Verschwörungstheorien begegnet. Nicht mit Faktenkanonen, sondern mit der Wiederherstellung von Selbstwirksamkeit.
Warum Kontrollverlust gerade kluge Menschen trifft
Hier liegt eine paradoxe Pointe. Kluge Menschen erleben Kontrollverlust oft schmerzhafter als andere. Sie sind es gewohnt, Zusammenhänge zu verstehen, Probleme zu lösen, Argumente zu durchschauen. Wenn ihnen das einmal nicht gelingt, geraten sie in eine besondere Form von Stress. Sie haben mehr zu verlieren: ihr Selbstbild als kompetente Denker.
Wenn eine Pandemie ausbricht, deren Verlauf niemand vorhersagen kann, wenn geopolitische Verwerfungen die gewohnten Annahmen erschüttern, wenn technologische Sprünge die Berufswelt umkrempeln, dann steht für intelligente Menschen mehr auf dem Spiel. Eine Verschwörungstheorie bietet eine elegante Lösung. Sie sagt: Du verstehst die Welt nicht, weil sie absichtlich verschleiert wird. Es liegt nicht an dir. Es liegt an denen.
Das Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit
Der polnische Sozialpsychologe Arie Kruglanski prägte in den 1990er Jahren das Konzept des “Need for Cognitive Closure”. Es beschreibt das Bedürfnis, eine definitive Antwort auf eine Frage zu finden und Mehrdeutigkeit zu beenden. Manche Menschen ertragen offene Fragen schlecht. Sie wollen schnell zu einem Urteil kommen und das Urteil festhalten, auch wenn neue Informationen es in Frage stellen.
Eine 2018 publizierte Studie von Marchlewska, Cichocka und Kossowska zeigte den direkten Zusammenhang. Verschwörungstheorien bieten einfache Antworten auf komplexe Probleme, indem sie Erklärungen für unsichere Situationen liefern. Sie sollten daher attraktiv sein für Personen, die Unsicherheit nicht tolerieren und kognitive Geschlossenheit suchen. In Experiment 1 der Studie sagte das Bedürfnis nach Geschlossenheit positiv die Befürwortung einer Verschwörungstheorie hinter der Flüchtlingskrise voraus, insbesondere wenn Verschwörungserklärungen kognitiv aktiviert waren.
Die Forschenden formulierten es treffend als “Süchtig nach Antworten”. Das Bedürfnis nach Geschlossenheit funktioniert wie ein motivationaler Stoppmechanismus. Es schaltet die weitere Suche nach Informationen ab, sobald eine plausibel wirkende Erklärung gefunden ist. Verschwörungsdenken korreliert mit einem “motivationalen Stoppmechanismus”, bekannt als das Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit, der die Motivation widerspiegelt, Ambiguität durch schnelle Urteile zu reduzieren.
Eine repräsentative Studie aus Deutschland mit 2’883 Teilnehmenden bestätigte das Muster während der Corona-Pandemie. Bedrohliche oder mehrdeutige Situationen lösen eine Suche nach Bedeutung aus. Wenn dieses epistemische Bedürfnis nicht befriedigt wird, wenden sich Menschen Verschwörungstheorien zu, die einfache Erklärungen für komplexe Ereignisse bieten. Die Forschenden konnten zeigen, dass Personen mit hohem Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit und niedrigem politischen Vertrauen besonders anfällig für Corona-Verschwörungstheorien wurden.
Geschlossenheit ist nicht Dummheit
Wichtig ist die Abgrenzung: Das Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit ist kein Indikator für Intelligenz. Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das unabhängig von kognitiven Fähigkeiten variiert. Hochbegabte Menschen können ein hohes Bedürfnis nach Geschlossenheit haben. Sie verarbeiten dann allerdings ihre Antworten auf einem höheren intellektuellen Niveau. Sie bauen elaboriertere Begründungen, finden anspruchsvollere Quellen für ihre Überzeugungen, formulieren ihre Verschwörungstheorie mit Fachvokabular.
Das macht es so schwer, mit gebildeten Verschwörungsgläubigen zu diskutieren. Sie verfügen über mehr rhetorisches Geschick, mehr Datenpunkte, mehr scheinbar belastbare Quellen. Ihre Argumente wirken auf Aussenstehende durchdacht. Was sie nicht haben, ist die Bereitschaft, ihre Schlussfolgerungen erneut zu öffnen, sobald sie eine befriedigende Antwort gefunden haben.
Epistemische Neugier in der Schieflage
Epistemische Neugier ist das Verlangen, Wissen zu erwerben. Sie gilt als Tugend. Sie treibt Wissenschaft, Bildung und Innovation. Doch sie hat eine dunkle Seite, wenn sie nicht von einer Toleranz für Unsicherheit begleitet wird.
Kluge Menschen sind oft epistemisch hungrig. Sie wollen verstehen, was hinter den Dingen steckt. Sie geben sich nicht mit oberflächlichen Erklärungen zufrieden. Sie graben tiefer. Das macht sie produktiv. Es macht sie auch verletzlich. Wer tiefer gräbt, findet immer noch mehr Fragen. Wer das Bedürfnis nach Geschlossenheit hat, sucht in dieser Tiefe nach einem Boden. Eine Verschwörungstheorie liefert diesen Boden. Sie behauptet, ganz unten liege ein verborgenes Prinzip, das alles zusammenhält.
Forschung zur sogenannten morbiden Neugier zeigt, dass Menschen, die sich von dunklen Themen angezogen fühlen, eine erhöhte Affinität zu Verschwörungstheorien haben können. Der Glaube an Verschwörungstheorien ist stärker, wenn die Motivation, Muster in der Umgebung zu finden, experimentell verstärkt wird. Er ist auch stärker bei Menschen, die gewohnheitsmässig nach Bedeutung und Mustern in der Umgebung suchen, einschliesslich Gläubiger an paranormale Phänomene.
Die Forschenden um van Prooijen kamen zu einem ähnlichen Befund. Verschwörungsglauben ist auch stärker, wenn Ereignisse besonders gross oder bedeutend sind und Menschen unzufrieden mit alltäglichen, kleinmassstäblichen Erklärungen sind. Der Mord an John F. Kennedy lässt sich schlecht damit erklären, dass ein einsamer Schütze mit einem alten Gewehr historische Folgen ausgelöst hat. Die emotionale Wucht des Ereignisses verlangt nach einer ebenbürtigen Ursache. Eine grosse Verschwörung passt besser als ein zufälliger Akt.
Wenn Neugier zur Falle wird
Ein gut belegtes Phänomen in der Forschung ist die sogenannte Proportionalitätsverzerrung. Menschen erwarten, dass grosse Wirkungen grosse Ursachen haben. Bei einer Pandemie mit Millionen Toten reicht ein zoonotischer Sprung von Tier auf Mensch psychologisch nicht aus. Die Folge ist disproportional zur Ursache. Eine geheime Laborfreisetzung mit politischen Motiven passt besser ins Schema. Sie ist falsch, aber sie befriedigt.
Kluge Menschen sind anfälliger für diese Verzerrung, weil sie geübter sind, Kausalketten zu konstruieren. Ihre Vorstellungskraft baut elaborierte Szenarien. Was bei weniger gebildeten Menschen ein vages Gefühl bleibt, wird bei gebildeten zu einem konsistenten Narrativ.
Soziale Identität und das Gefühl der Bedrohung
Verschwörungstheorien sind selten reine kognitive Konstrukte. Sie sind soziale Artefakte. Sie binden Menschen in Gruppen ein, schaffen Identität, verleihen Bedeutung. Wer einer Verschwörungstheorie anhängt, gehört zu denen, die die Wahrheit sehen. Der Rest der Welt ist verblendet.
Die Forschung von Karen Douglas und Kollegen identifiziert drei psychologische Motive für Verschwörungsglauben: epistemische (das Bedürfnis nach Verstehen), existenzielle (das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle) und soziale (das Bedürfnis nach positivem Selbst- und Gruppenbild). Kluge Menschen können in allen drei Dimensionen ansprechbar sein.
Das soziale Motiv ist besonders interessant. Verschwörungsgläubige Gruppen bieten ihren Mitgliedern eine besondere Form von Anerkennung: Sie werden als Wissende, als Erwachte, als unbestechliche Denker angesprochen. Für intellektuell anspruchsvolle Menschen kann das attraktiver sein als eine durchschnittliche Mitgliedschaft in der Mehrheitsgesellschaft. Die Verschwörungsgruppe sagt: Du gehörst zu den Klügsten. Du durchschaust, was die Schlafenden nicht sehen.
Diese Form sozialer Validierung ist mächtig. Sie funktioniert besonders gut bei Menschen, die sich von der Mainstream-Gesellschaft nicht gewürdigt fühlen, die ihre Talente verkannt sehen, die nach Sinn suchen jenseits von Karriere und Konsum.
Die Rolle von Krisen: Wenn Unsicherheit zur Norm wird
Die Corona-Pandemie war ein Live-Experiment zur Psychologie von Verschwörungstheorien. Eine globale Krise mit unklarem Verlauf, widersprüchlichen Expertenaussagen, einschneidenden politischen Massnahmen und massiver medialer Aufmerksamkeit traf auf eine Gesellschaft, die ohnehin in epistemischen Umbrüchen steckte. Die Folge war ein massiver Schub an Verschwörungsglauben, der weit über die übliche Klientel hinausging.
Die deutsche Längsschnittstudie zur Corona-Zeit fand einen klaren Zusammenhang. Personen mit hohem Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit und niedrigem politischen Vertrauen werden Verschwörungserklärungen der Pandemie aufgreifen. Im Gegensatz dazu werden Personen mit hohem Bedürfnis nach Geschlossenheit und hohem politischen Vertrauen die Pandemie-Verschwörungen wahrscheinlicher ignorieren. Das Bedürfnis nach Geschlossenheit wirkte also in beide Richtungen. Es trieb Menschen zur offiziellen Erklärung oder zur Verschwörungstheorie, je nachdem, welche Quelle sie als vertrauenswürdig betrachteten.
Diese Beobachtung ist wichtig. Sie zeigt, dass Verschwörungsglauben kein reines Defizit ist. Er ist ein Mechanismus zur Bewältigung von Unsicherheit. Die Frage ist nicht, ob jemand Geschlossenheit sucht, sondern wo er sie findet. In offiziellen Institutionen oder in alternativen Erzählungen.
Die Schweiz und die Suche nach Erklärungen
In der Schweiz war die Lage in der Pandemie etwas anders als in Deutschland oder den USA. Das Vertrauen in Behörden blieb relativ hoch, die direktdemokratische Tradition gab Raum für Auseinandersetzungen über Massnahmen. Trotzdem fanden Verschwörungstheorien auch hier Anklang, gerade in akademisch gebildeten Kreisen. Die Massnahmenkritik-Bewegung zog Ärztinnen, Anwälte, Wissenschaftler an.
Das Muster passt zur Theorie. Wer es gewohnt ist, Entscheidungen kritisch zu durchleuchten, wer beruflich mit Komplexität umgeht, wer in seinem Fachgebiet als Autorität auftritt, dem fällt es schwer, sich in einer Krise auf Expertenmeinungen anderer Fachgebiete zu verlassen. Die epistemische Demut, die nötig wäre, kollidiert mit dem professionellen Selbstverständnis.
Wie sich Verschwörungsglauben festigt
Hat sich eine Verschwörungstheorie in einem Kopf eingenistet, ist sie schwer zu vertreiben. Die Forschung zeigt mehrere Mechanismen, die für Stabilität sorgen.
Erstens der Bestätigungsfehler. Menschen suchen Informationen, die ihre Überzeugungen stützen, und ignorieren widersprechende Belege. Bei klugen Menschen läuft dieser Prozess auf hohem Niveau. Sie finden mehr Bestätigungen, weil sie besser recherchieren können.
Zweitens die Immunisierung gegen Widerlegung. Verschwörungstheorien enthalten oft eingebaute Schutzmechanismen. Wer widerspricht, gehört zu den Mitwissern oder ist selber verblendet. Fehlende Beweise gelten als Beweis für besonders erfolgreiche Vertuschung. Diese Logik ist kognitiv abgeschlossen.
Drittens die Identitätsbindung. Wenn der Verschwörungsglaube Teil der sozialen Identität geworden ist, bedroht jede Widerlegung das Selbstbild. Eine Meinungsänderung würde bedeuten, dass man sich getäuscht hat, dass die wichtigen sozialen Bindungen auf falschen Annahmen beruhen. Die psychologischen Kosten sind hoch.
Viertens die Investition. Wer Zeit, Energie und soziale Beziehungen in eine Überzeugung investiert hat, will den Einsatz nicht abschreiben. Eine Form versunkener Kosten, die rationales Denken überstimmt.
Was hilft? Mehr als Aufklärung
Wenn Verschwörungsglauben nicht aus Unwissen entsteht, sondern aus dem Bedürfnis nach Kontrolle und Geschlossenheit, dann hilft reine Aufklärung nur begrenzt. Faktenchecks erreichen die kognitive Ebene. Sie ändern selten die psychologische Lage, die den Glauben überhaupt attraktiv gemacht hat.
Erfolgversprechender sind Ansätze, die an den zugrunde liegenden Bedürfnissen ansetzen.
Erstens: Selbstwirksamkeit stärken. Whitson und Galinsky zeigten, dass die Bestätigung eigener Werte und Kompetenzen die Neigung zu illusorischer Mustererkennung senkt. Wer sich selbstwirksam fühlt, braucht weniger erfundene Strukturen.
Zweitens: Toleranz für Unsicherheit kultivieren. Bildung sollte nicht nur Antworten vermitteln, sondern auch die Fähigkeit, mit offenen Fragen zu leben. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit Wissenschaftstheorie macht klar, dass solide Forschung immer mit Unsicherheit arbeitet. Das ist keine Schwäche, sondern Methode.
Drittens: Analytisches Denken üben. Studien zeigen, dass kognitive Reflexion ein Schutzfaktor ist. Höhere Niveaus kognitiver Reflexion erwiesen sich als schützend und reduzierten den Einfluss von Narzissmus auf die Befürwortung von Verschwörungstheorien. Das ist nicht dasselbe wie höhere Bildung. Es ist die Bereitschaft, intuitive erste Antworten zu hinterfragen.
Viertens: Soziale Einbindung stärken. Wer in tragfähigen Beziehungen lebt, braucht weniger die Identitätsstiftung durch Verschwörungsgruppen. Einsame Menschen sind anfälliger.
Fünftens: Politisches Vertrauen wiederherstellen. Die Forschung zeigt klar, dass institutionelles Vertrauen ein Puffer ist. Politische Institutionen, die transparent kommunizieren, Fehler eingestehen und Widerspruch zulassen, schaffen die Basis dafür, dass Menschen in Krisen nicht zu alternativen Erklärungen abwandern.
Abschliessende Gedanken
Ich habe in meinem beruflichen Umfeld immer wieder gesehen, wie kluge Menschen in Verschwörungsdenken abrutschen. Es waren keine Aussenseiter, sondern Fachleute, oft auf hohem Niveau. Mich hat lange irritiert, wie sie es schaffen, ihre analytische Schärfe in einem Lebensbereich völlig abzuschalten. Die Forschung hat mir geholfen, das Phänomen einzuordnen.
Was ich heute denke: Wir machen es uns zu einfach, wenn wir Verschwörungsgläubige als Idioten abkanzeln. Die meisten sind keine Idioten. Sie sind Menschen, die in einer überfordernden Welt nach Boden suchen. Sie greifen nach Erklärungen, die ihnen Kontrolle versprechen. Das ist eine zutiefst menschliche Reaktion, und sie funktioniert bei Promovierten genauso wie bei Schulabbrechern.
Daraus folgt für mich eine unbequeme Erkenntnis: Wer glaubt, gegen Verschwörungstheorien immun zu sein, hat sich noch nicht ehrlich gefragt, wo seine eigenen Geschlossenheits-Bedürfnisse liegen. In welchem Bereich akzeptiere ich vorschnell Antworten, weil ich die Mehrdeutigkeit nicht aushalte? Bei welchen Themen lese ich nur das, was meine Position bestätigt? Wo verwende ich meine Intelligenz, um meine Überzeugungen zu verteidigen, statt sie zu prüfen?
Die wirklich anstrengende Arbeit ist nicht, andere zu überzeugen. Die anstrengende Arbeit ist, die eigene Toleranz für Unsicherheit zu erhöhen. Ich glaube, dass das eine zentrale Aufgabe für unsere Zeit ist. Wir leben in einer Phase historischer Umbrüche. Klimakrise, geopolitische Verwerfungen, technologische Sprünge, demografische Verschiebungen. Niemand hat einen sicheren Überblick, auch die Klügsten nicht. Wer das aushält und trotzdem nüchtern weiterarbeitet, leistet einen kleinen Beitrag zur Stabilität einer Gesellschaft, die anfällig ist für einfache Antworten.
Ich plädiere nicht für epistemische Lähmung. Es ist möglich, gut begründete Überzeugungen zu vertreten, ohne in Geschlossenheit zu kippen. Die Differenz liegt in der Bereitschaft, die eigene Position bei neuen Belegen zu revidieren. Das ist anstrengender als jede Verschwörungstheorie. Es ist auch ehrlicher.
Und vielleicht ist das die zentrale Botschaft: Intelligenz ist keine Versicherung. Sie ist ein Werkzeug, das in beide Richtungen funktioniert. Was zählt, ist die Haltung dahinter. Die Bereitschaft, nicht zu wissen. Die Disziplin, weiter zu fragen. Das Vertrauen, dass eine Welt, die ich nicht vollständig durchschaue, trotzdem lebbar ist. Wer diese Haltung pflegt, braucht keine geheimen Eliten, um sich die Welt zu erklären.
Quellen
Whitson, J. A., & Galinsky, A. D. (2008). Lacking Control Increases Illusory Pattern Perception. Science, 322(5898), 115-117.
Marchlewska, M., Cichocka, A., & Kossowska, M. (2018). Addicted to answers: Need for cognitive closure and the endorsement of conspiracy beliefs. European Journal of Social Psychology, 48(2), 109-117.
Leman, P. J., & Cinnirella, M. (2013). Beliefs in conspiracy theories and the need for cognitive closure. Frontiers in Psychology, 4, 378.
Frontiers in Social Psychology (2024). Need for cognitive closure, political trust, and belief in conspiracy theories during the COVID-19 pandemic.
Hughes, S., & Machan, L. (2023). Narcissistic susceptibility to conspiracy beliefs exaggerated by education, reduced by cognitive reflection. PMC.
Douglas, K. M., Sutton, R. M., & Cichocka, A. (2017). The Psychology of Conspiracy Theories. Current Directions in Psychological Science.
The Conversation (2024). Intelligence doesn’t make you immune to conspiracy theories.

