"Main Character Energy": Selbstermächtigung oder narzisstischer Film?
Warum es gesund ist, die Regie im eigenen Leben zu übernehmen – und ab wann der Trend zur einsamen Inszenierung wird.
Sie kennen die Situation. Sie sitzen im Tram oder im Zug, draussen zieht eine graue Regenlandschaft vorbei, und Sie setzen Ihre Kopfhörer auf. Ein melancholischer Song startet, der Bass setzt ein, und plötzlich verändert sich alles. Ihr Blick wird bedeutungsschwanger, Sie lehnen den Kopf leicht gegen die kühle Scheibe und für einen Moment sind Sie nicht mehr einfach nur Müller oder Meier auf dem Weg zur Arbeit. Nein, Sie sind der Protagonist in einem emotionalen Indie-Film, der gerade eine entscheidende Wendung nimmt. Die Passanten draussen sind Statisten, das Wetter ist kein schlechtes Wetter, sondern “Atmosphäre”, und Ihr Leben fühlt sich plötzlich nicht mehr banal an, sondern cineastisch.
Herzlich willkommen im Club. Sie haben gerade das erlebt, was die Generation Z und TikTok als “Main Character Energy” bezeichnen.
Was früher eine harmlose Tagträumerei war, die wir alle heimlich betrieben (und peinlich berührt beendeten, sobald uns jemand dabei ansah), ist heute zu einem massiven kulturellen Phänomen geworden. Tausende von Videos in den sozialen Medien rufen dazu auf, das eigene Leben zu “romantisieren”. Der morgendliche Kaffee wird nicht einfach getrunken, er wird als ästhetisches Ritual inszeniert. Der Gang zum Supermarkt wird zum “Urban Adventure”. Das Mantra lautet: Warte nicht darauf, dass dein Leben aufregend wird – verhalte dich so, als wäre es das bereits. Du bist die Hauptfigur. Alle Augen sind auf dich gerichtet.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Trend wie ein sympathischer Aufruf zu mehr Selbstliebe und Lebensfreude. Warum sollten wir uns auch mit einer Nebenrolle im eigenen Dasein begnügen? Doch wenn man die schimmernde Oberfläche des Smartphone-Displays etwas zur Seite kratzt, kommt eine komplexere psychologische Dynamik zum Vorschein.
Dieser Trend wirft eine fundamentale Frage auf: Ist diese bewusste Inszenierung des Selbst ein gesundes Werkzeug zur Rückgewinnung unserer Handlungsfähigkeit in einer chaotischen Welt? Oder trainieren wir uns hier kollektiv eine Form von dissoziiertem Narzissmus an, bei dem wir vor lauter Regieanweisungen vergessen, das echte Leben – mit all seinen ungeschnittenen, langweiligen und unglamourösen Szenen – tatsächlich zu fühlen?
Bevor wir das “Drehbuch” unseres Lebens umschreiben, lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen der menschlichen Psyche.
Die Psychologie der “Agency”: Warum wir Helden brauchen
Hinter den viralen TikTok-Videos verbirgt sich ein tiefes menschliches Bedürfnis, das die Psychologie seit Jahrzehnten erforscht: die sogenannte Narrative Identität.
Unser Gehirn ist kein Computer, der Daten neutral abspeichert. Es ist eine Geschichten-Maschine. Um das Chaos des Alltags, Schicksalsschläge und zufällige Begegnungen zu verarbeiten, webt unser Verstand diese Ereignisse permanent in eine zusammenhängende Story ein. Der Psychologe Dan McAdams prägte hierfür den Begriff der “Life Story”. Studien zeigen deutlich: Menschen, die ihr Leben als kohärente Geschichte erzählen können – inklusive Höhen, Tiefen und Wendepunkten –, weisen eine stabilere psychische Gesundheit und höhere Resilienz auf.
Der Trend zur “Main Character Energy” ist im Kern der Versuch, diese narrative Kontrolle zurückzugewinnen. Er bedient das Bedürfnis nach Agency (Handlungsmacht).
Wer sich als Hauptfigur seines Lebens definiert, vollzieht einen entscheidenden kognitiven Perspektivwechsel: den Schritt aus der passiven Opferrolle (”Dinge passieren mir”) hin zur aktiven Gestaltung (”Ich reagiere auf Dinge”). In der Psychologie spricht man hier von einer internalen Kontrollüberzeugung (Locus of Control). Ein Protagonist wartet nicht darauf, dass der Bus kommt; er läuft zur nächsten Station. Ein Protagonist erträgt den schlechten Job nicht stumm; er plant den Ausstieg oder die Veränderung.
Diese Haltung kann als wirksames Tool gegen das Gefühl der Ohnmacht dienen, das viele junge Menschen angesichts globaler Krisen und komplexer Zukunftsaussichten empfinden. Wer die “Main Character”-Brille aufsetzt, nutzt unbewusst eine Technik aus der kognitiven Verhaltenstherapie: das Reframing (Umdeutung).
Ohne Reframing: Das Lernen für die Prüfung ist eine qualvolle, langweilige Pflicht.
Mit “Main Character”-Reframing: Die Lernsession in der Bibliothek ist die klassische “Training Montage” im zweiten Akt des Films, in der sich der Held die Fähigkeiten aneignet, die er für den späteren Sieg benötigt.
Durch diese Romantisierung des Alltäglichen erhalten banale Aufgaben eine übergeordnete Bedeutung. Das Putzen der Wohnung, der Wocheneinkauf oder der frühe Weg zur Arbeit werden von lästigen Notwendigkeiten zu Szenen der Charakterentwicklung (”Character Development”) aufgewertet.
Solange dieser Mechanismus dazu dient, Motivation zu schöpfen und Selbstwirksamkeit zu spüren, ist die “Main Character Energy” ein gesundes, adaptives Coping-Verhalten. Sie hilft uns, den roten Faden in unserem Leben nicht zu verlieren und uns selbst als handelndes Subjekt wahrzunehmen.
Die dunkle Seite: Wenn Mitmenschen zu “NPCs” verblassen
So nützlich die “Main Character Energy” für die individuelle Selbstwirksamkeit ist, so toxisch wirkt sie sich aus, sobald sie die Wahrnehmung unserer sozialen Umgebung verzerrt. Das Problem beginnt dort, wo die eigene Aufwertung zwangsläufig zur Abwertung anderer führt. In der Internet-Subkultur hat sich parallel zum “Main Character” ein entlarvender Gegenbegriff etabliert: der NPC.
Die Abkürzung stammt aus der Welt der Videospiele und steht für “Non-Player Character” (Nicht-Spieler-Charakter). NPCs sind computergesteuerte Hintergrundfiguren ohne eigenes Bewusstsein. Sie haben keine Geschichte, keinen freien Willen und existieren ausschliesslich dazu, die Welt für den Helden lebendig wirken zu lassen oder ihm Quests zu erteilen.
Wenn junge Menschen ihre Mitmenschen – den Barista, die Frau im Bus, den Arbeitskollegen – nur noch als NPCs wahrnehmen, verlassen wir den Boden gesunder Psychohygiene. Wir betreten das Feld des Solipsismus und der Entfremdung.
Psychologisch betrachtet findet hier eine Objektifizierung statt. Das Gegenüber wird seiner komplexen Innenwelt beraubt. Andere Menschen sind nicht mehr eigenständige Subjekte mit Ängsten, Träumen und einer eigenen Agenda, sondern lediglich Requisiten im Film des Protagonisten. Sie haben nur so lange eine Daseinsberechtigung, wie sie die Handlung der Hauptfigur vorantreiben (”Plot Device”) oder zur Ästhetik der Szene passen.
Diese Haltung fördert narzisstische Züge. Wer überzeugt ist, der Einzige zu sein, der “wirklich” existiert und fühlt, verliert die Fähigkeit zur Empathie. Beziehungen werden transaktional:
“Passt dieser Partner in meinen ‘Era’-Arc (aktuelle Lebensphase)?”
“Sieht diese Freundesgruppe in meiner Instagram-Story ästhetisch aus?”
Konflikte werden nicht mehr als notwendige Auseinandersetzung zwischen zwei gleichberechtigten Parteien gesehen, sondern als ungerechtfertigte Störung des eigenen Drehbuchs. Wer Kritik übt, wird als “Hater” oder “Antagonist” abgetan und aus der Story geschrieben (”Cut off”).
Diese Dynamik verhindert echte Intimität. Wahre Verbindung entsteht durch Resonanz – das gegenseitige Erkennen und Spiegeln. Wer jedoch ständig performt und sein Umfeld als Publikum oder Statisterie betrachtet, errichtet eine unsichtbare Mauer. Man ist zwar der strahlende Held, aber man bleibt auf seiner Bühne ultimativ einsam.
“Spectatoring”: Das Leben von aussen betrachten
Das gravierendste psychologische Risiko der “Main Character Energy” liegt in einer subtilen Form der Dissoziation. Wer sein Leben permanent wie einen Film inszeniert, nimmt zwangsläufig eine distanzierte Haltung ein. Man lebt das Leben nicht mehr, man betrachtet sich dabei, wie man es lebt.
In der Psychologie ist dieses Phänomen als “Spectatoring” bekannt. Ursprünglich prägten die Sexualtherapeuten Masters und Johnson diesen Begriff, um Leistungsdruck im Schlafzimmer zu beschreiben: Statt sich der körperlichen Empfindung hinzugeben, beobachtet sich die Person kritisch von aussen (”Wie sehe ich dabei aus?”, “Mache ich das richtig?”).
Durch die Omnipräsenz von Social Media hat sich dieses Spectatoring auf den gesamten Alltag ausgeweitet. Wir entwickeln einen “Cinematischen Blick”.
First-Person-Perspektive (Erleben): Ich sitze in einem Café. Ich schmecke die Bitterkeit des Espressos, spüre die Wärme der Tasse und höre das Rauschen der Kaffeemaschine. Ich bin im Körper verankert.
Third-Person-Perspektive (Inszenieren): Ich sehe mich selbst im Café sitzen. Ich korrigiere meine Haltung, damit sie “ästhetisch” wirkt. Ich arrangiere die Tasse für ein potenzielles Foto. Ich frage mich, wie diese Szene für ein imaginäres Publikum wirkt.
Dieser Wechsel in die Dritte-Person-Perspektive hat einen Preis: den Verlust der Unmittelbarkeit.
Sobald wir den Moment kuratieren, töten wir ihn ein Stück weit ab. Die Energie fliesst nicht mehr in das Fühlen der Emotion, sondern in deren Darstellung. Ein klassisches Beispiel ist der Trend des “Crying Selfies”. Wenn ein Mensch echten, tiefen Schmerz empfindet, ist der Instinkt meist Rückzug oder Schutz. Wer jedoch in diesem Moment zum Handy greift, den richtigen Winkel sucht und sich beim Weinen filmt, hat den Schmerz bereits verlassen. Er ist zum Zuschauer seines eigenen Leids geworden, um es als “Content” oder “Charaktertiefe” zu verwerten.
Das Resultat ist eine paradoxe innere Leere. Die Szene nach aussen wirkt perfekt – das Licht stimmt, der Soundtrack passt, die Ästhetik ist makellos. Doch im Inneren fühlt sich der Protagonist taub. Er ist gefangen in der ständigen Überwachung durch das “imaginäre Publikum”. Das Leben wird zur Performance, und wie jeder Schauspieler weiss: Man kann nicht gleichzeitig performen und authentisch sein. Wer immer spielt, vergisst irgendwann, wer er ist, wenn das rote Licht der Kamera erlischt.
Abschliessende Gedanken: Seien Sie der Regisseur, nicht der Zuschauer
Kommen wir zum Punkt. Das Konzept der “Main Character Energy” ist weder gut noch böse – es ist ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet die Handhabung darüber, ob Sie damit Ihr Leben aufbauen oder Ihre Beziehungen einreissen.
Die Gefahr ist real: Wer den ganzen Tag damit verbringt, sein Leben für ein imaginäres Publikum zu kuratieren, verpasst das eigentliche Leben. Wenn Sie mehr Zeit damit verbringen, den perfekten Winkel für Ihr Croissant zu suchen, als es zu essen, haben Sie den Plot verloren. Sie sind dann kein Hauptdarsteller, sondern ein Statist Ihrer eigenen Eitelkeit. Das Leben hat keinen “Cut”, keinen Filter und keinen Soundtrack, der einsetzt, wenn es schwierig wird.
Aber die Chance ist ebenso gewaltig.
Wir leben in einer Welt, die uns oft kleinhalten will. Wenn Ihnen die Vorstellung, der “Protagonist” zu sein, dabei hilft, endlich nach der Gehaltserhöhung zu fragen, die toxische Beziehung zu beenden oder das Projekt zu starten, vor dem Sie Angst haben – dann tun Sie es. Das ist gesunde Agency.
Ein wahrer Hauptcharakter definiert sich nicht durch Ästhetik, sondern durch Handlung.
Ein Hauptcharakter posiert nicht im Regen; er trifft schwierige Entscheidungen, während er nass wird.
Ein Hauptcharakter degradiert andere nicht zu NPCs; er baut Allianzen und echte Verbindungen auf, weil er weiss, dass jede gute Story ein Ensemble braucht.
Ein Hauptcharakter akzeptiert Fehler als Teil des “Character Arcs”, anstatt sie aus der Instagram-Story zu löschen.
Nutzen Sie die “Main Character Energy”, um Verantwortung zu übernehmen. Seien Sie der Regisseur Ihres Schicksals. Aber sobald die Klappe gefallen ist und die Entscheidung getroffen wurde: Schalten Sie die imaginäre Kamera aus.
Hören Sie auf zu performen (”Spectatoring”) und fangen Sie wieder an zu spüren. Die besten Szenen im Leben sind die, die niemand gefilmt hat.


