Der erste Ferientag. Der Koffer steht offen im Hotelzimmer, draussen liegt der See. Und Deine Hand greift zum Telefon. Nur kurz schauen, ob das Ticket von gestern erledigt ist. Nur kurz prüfen, ob jemand auf die Übergabe reagiert hat. Zehn Minuten später sitzt Du auf dem Bettrand und formulierst eine Antwort an einen Kollegen, der Dich gar nicht um eine Antwort gebeten hat.
Kennst Du diese Szene? Dann bist Du nicht allein. Und Du bist auch nicht einfach undiszipliniert. Die Arbeitspsychologie erforscht seit über drei Jahrzehnten, was in den Ferien mit uns passiert, warum wir uns erholen oder eben nicht, und weshalb der Effekt oft schon nach wenigen Tagen im Büro verschwunden ist. Die Ergebnisse sind ernüchternd und gleichzeitig hilfreich. Sie zeigen nämlich, dass Erholung kein Zufall ist. Du kannst sie gestalten.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was Ferien tatsächlich leisten, welche psychologischen Mechanismen hinter dem Abschalten stehen, welche Rolle das Smartphone spielt, was das Schweizer Arbeitsrecht dazu sagt und was Du konkret tun kannst, damit Deine nächsten Ferien länger nachwirken als bis zum ersten Montagmorgen.
Was Ferien leisten und wie schnell der Effekt verschwindet
Beginnen wir mit der guten Nachricht: Ferien wirken. Eine viel zitierte Meta-Analyse von Jessica de Bloom und Kolleginnen aus dem Jahr 2009 fasste die damals verfügbaren Studien zusammen und fand einen positiven Effekt der Ferien auf Gesundheit und Wohlbefinden. Die Effektstärke lag bei d = 0.43. Das klingt technisch, bedeutet aber: Der Unterschied ist messbar und nicht trivial, aber auch kein Wunder.
Die schlechte Nachricht folgt im selben Papier. Die Forschenden fanden einen fast gleich grossen Effekt in die andere Richtung, sobald die Menschen wieder arbeiteten (d = –0.38). Die Erholung verpuffte also nach der Rückkehr. Je nach Studie war der Ferieneffekt nach zwei bis vier Wochen vollständig verschwunden.
Eine Folgestudie verdichtete dieses Bild. Im Fachjournal Work & Stress publizierte das gleiche Forschungsteam 2010 eine Untersuchung mit dem treffenden Titel «Lots of fun, quickly gone». Die Teilnehmenden meldeten über die Ferien hinweg regelmässig, wie es ihnen ging. Das Wohlbefinden stieg in den ersten Tagen schnell an, erreichte am achten Ferientag seinen Höhepunkt und lag bereits in der ersten Arbeitswoche wieder auf dem Niveau vor den Ferien. Bemerkenswert: Die Dauer der Ferien und die meisten Ferienaktivitäten hingen nur schwach mit diesen Veränderungen zusammen.
Eine neuere Meta-Analyse im European Psychologist (2023) bestätigte das Muster mit Daten bis 2020. Ferien verbessern das Wohlbefinden von Arbeitnehmenden, doch nach der ersten Woche zurück im Job unterscheiden sich die Werte nicht mehr signifikant vom Zustand vor den Ferien.
Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Wer seine Ferien als Batterie versteht, die man einmal im Jahr auflädt und dann monatelang leert, irrt sich. So funktioniert Erholung nicht. Zweitens: Wenn die Dauer der Ferien wenig erklärt, muss etwas anderes den Unterschied machen. Genau hier wird es spannend.
Ein Blick auf die Langzeitdaten
Bevor wir zu den Mechanismen kommen, lohnt sich ein Blick auf eine Studie, die oft in Schlagzeilen landet. Die Helsinki Businessmen Study begleitete über Jahrzehnte 1’222 männliche Führungskräfte mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko. Eine Teilgruppe erhielt in den 1970er-Jahren ein intensives Programm zur Verbesserung ihres Lebensstils. Bei der 40-Jahre-Nachuntersuchung, die Timo Strandberg 2018 am Kongress der European Society of Cardiology vorstellte, zeigte sich etwas Überraschendes: In der Interventionsgruppe hatten Männer mit drei Wochen Ferien oder weniger pro Jahr zwischen 1974 und 2004 eine um 37 Prozent höhere Sterbewahrscheinlichkeit als jene mit mehr als drei Wochen Ferien. Die Männer mit kürzeren Ferien arbeiteten zudem länger und schliefen weniger.
Strandberg selbst ordnete die Ergebnisse vorsichtig ein. Gegenüber Newsweek betonte er, dass sich Ursache und Wirkung nicht nachweisen lassen. Die Studie belegt also nicht, dass Ferien Leben retten. Sie zeigt aber einen Zusammenhang, der zu allem passt, was wir über chronischen Stress wissen. Und sie entkräftet eine verbreitete Vorstellung: dass ein gesunder Lebensstil mit Sport und guter Ernährung fehlende Erholung kompensieren könne.
Erholung ist ein Erlebnis, keine Aktivität
Warum erholen sich zwei Menschen am selben Strand unterschiedlich gut? Die Antwort liefert die Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag, eine der prägenden Figuren der Erholungsforschung. Zusammen mit Charlotte Fritz entwickelte sie 2007 den Recovery Experience Questionnaire. In zwei Studien mit insgesamt 930 Personen identifizierten die beiden vier unterscheidbare Erholungserlebnisse. Nicht die Tätigkeit an sich entscheidet über die Erholung, sondern das psychologische Erleben dahinter.
1. Psychologische Distanzierung (Detachment). Du denkst nicht an die Arbeit. Nicht nur körperlich abwesend, sondern auch gedanklich. Das ist der Kern dessen, was wir umgangssprachlich «abschalten» nennen.
2. Entspannung (Relaxation). Körper und Geist kommen zur Ruhe. Das Aktivierungsniveau sinkt. Das kann ein Buch im Liegestuhl sein, ein langsamer Spaziergang oder ein Bad im See.
3. Herausforderung (Mastery). Du lernst etwas Neues oder meisterst eine Aufgabe, die nichts mit dem Job zu tun hat. Eine Bergtour, ein Sprachkurs, das erste Mal Segeln. Das klingt anstrengend, baut aber Ressourcen auf, weil es Kompetenzerleben ausserhalb der Arbeit schafft.
4. Kontrolle (Control). Du entscheidest selbst, was Du wann tust. Kein Kalender, der Dir Termine diktiert, keine Erwartungen von aussen.
Von diesen vier Erlebnissen hat die psychologische Distanzierung die stärksten Zusammenhänge mit Wohlbefinden. Ein Überblicksartikel zur Zustandsversion des Fragebogens fasst zusammen, dass die empirische Evidenz dafür stark ist. Eine britische Längsschnittstudie aus dem Jahr 2024 kam ebenfalls zum Schluss, dass psychologische Distanzierung von der Arbeit das psychische Wohlbefinden von Erwerbstätigen vorhersagt.
Was heisst das für Deine Ferien? Ein Wanderurlaub in den Dolomiten erholt Dich nicht automatisch besser als eine Woche auf dem Balkon. Entscheidend ist, ob Du dabei abschaltest, Dich entspannst, etwas Eigenes meisterst und selbst bestimmst. Wer am Gipfelkreuz die Mails checkt, hat zwar eine Herausforderung bewältigt, aber das wichtigste Erholungserlebnis verpasst. Wer auf dem Balkon liegt und gedanklich das nächste Steering Committee vorbereitet, ebenso.
Das erklärt auch, warum die Ferienforschung so schwache Zusammenhänge zwischen Aktivitäten und Erholung findet. Dieselbe Aktivität erzeugt bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Erlebnisse. Eine Städtereise mit straffem Programm kann für die eine Person Kontrolle und Herausforderung bedeuten, für die andere eine Fortsetzung des Arbeitsalltags mit anderen Mitteln.
Das Erholungsparadox: Wer es am nötigsten hat, schafft es am wenigsten
Jetzt kommt der unbequeme Teil. Sabine Sonnentag beschrieb 2018 ein Phänomen, das sie Erholungsparadox (Recovery Paradox) nannte. Die Logik ist simpel und bitter: Hohe Belastungen bei der Arbeit erhöhen den Erholungsbedarf. Gleichzeitig beeinträchtigen genau diese Belastungen die Erholungsprozesse. Menschen unter hohem Druck schalten schlechter ab, schlafen schlechter und bewegen sich weniger. Ein Fachbeitrag von Wendsche, de Bloom, Syrek und Vahle-Hinz bringt es auf den Punkt: Erholung fällt am schwersten, wenn man sie am dringendsten braucht.
Sonnentag nennt mehrere Mechanismen. Hoher Stress hält das Nervensystem aktiviert. Arbeitsbezogene Gedanken bleiben leichter abrufbar und drängen sich auf. Und die Energie, die man für aktive Erholung bräuchte, ist schlicht aufgebraucht. Wer abends erschöpft ist, greift eher zum Handy als zu den Wanderschuhen.
Für die Ferien bedeutet das: Wenn Du mit hoher Belastung in die Ferien startest, brauchst Du mehr bewusste Gestaltung, nicht weniger. Die Vorstellung, dass sich Erholung schon von selbst einstellt, sobald Du weit genug weg bist, trifft gerade auf die Menschen am wenigsten zu, die sie am meisten brauchen.
Wie es in der Schweiz aussieht
Die Frage ist nicht akademisch. Gesundheitsförderung Schweiz erhebt zusammen mit der Universität Bern und der ZHAW regelmässig den Job-Stress-Index. In der Erhebung 2022 lag der Anteil der Erwerbstätigen, die sich emotional erschöpft fühlen, bei 30.3 Prozent. Damit überschritt dieser Wert erstmals seit Beginn der Messungen 2014 die 30-Prozent-Marke. 28.2 Prozent der Erwerbstätigen befanden sich im kritischen Bereich, in dem die Belastungen die Ressourcen deutlich übersteigen. Gesundheitsförderung Schweiz hat die nächste Erhebung mit überarbeiteter Methode für 2026 angekündigt. Ob sich die Lage seither verändert hat, wird sich zeigen.
Fast ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz geht also bereits erschöpft in die Ferien. Für diese Menschen greift das Erholungsparadox mit voller Wucht.
Warum Dein Kopf weiterarbeitet
Du sitzt am Strand, und Dein Kopf arbeitet weiter. Warum eigentlich? Die Psychologie kennt dafür seit den 1920er-Jahren einen Begriff: den Zeigarnik-Effekt. Die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik beobachtete, dass sich Menschen besser an unerledigte als an erledigte Aufgaben erinnern. Offene Aufgaben bleiben im Gedächtnis aktiv und melden sich immer wieder.
Für die Ferien ist das ein Problem. Kaum jemand verlässt den Arbeitsplatz mit einem leeren Pult. Es gibt immer offene Tickets, halbfertige Konzepte, ungeklärte Entscheidungen. Und genau diese offenen Schleifen drängen sich in den Ferien ins Bewusstsein.
Die gute Nachricht kommt von E. J. Masicampo und Roy Baumeister. In ihrer Arbeit «Consider It Done!» aus dem Jahr 2011 zeigten sie in mehreren Experimenten, dass unerledigte Ziele aufdringliche Gedanken verursachen und die Leistung bei anderen Aufgaben beeinträchtigen. Sobald die Teilnehmenden aber einen konkreten Plan für ihre offenen Aufgaben formulierten, verschwanden diese Störeffekte. Der Plan selbst schloss die gedankliche Schleife, obwohl die Aufgabe noch gar nicht erledigt war.
Das ist eine der praktischsten Erkenntnisse für die Ferienvorbereitung. Du musst nicht alles erledigen, bevor Du gehst. Das gelingt ohnehin nie. Aber Du solltest für jede offene Aufgabe festhalten, wer sie übernimmt oder wann und wie Du sie nach den Ferien angehst. Eine Liste mit drei Spalten genügt: Was ist offen? Wer kümmert sich während meiner Abwesenheit? Was ist mein erster Schritt nach der Rückkehr? Dein Gehirn erhält damit die Bestätigung, dass nichts verloren geht. Und es kann loslassen.
Ein Nebeneffekt: Eine saubere Übergabe entlastet auch Dein Team. Wer während Deiner Abwesenheit weiss, was zu tun ist und welche Entscheidungen er oder sie selbst treffen darf, ruft Dich seltener an.
Das Smartphone als offene Hintertür
Kommen wir zum Elefanten im Hotelzimmer. Das Smartphone hat die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit durchlässig gemacht. Früher bedeutete Ferien physische Unerreichbarkeit. Heute trägst Du Dein Büro in der Hosentasche an den Strand.
Die Forschung dazu ist eindeutig. Eine Tagebuchstudie in der Psychologica Belgica untersuchte den Zusammenhang zwischen sogenanntem Workplace Telepressure, also dem inneren Druck, sofort auf Arbeitsnachrichten zu reagieren, arbeitsbezogener Smartphone-Nutzung und psychologischer Distanzierung. Die arbeitsbezogene Smartphone-Nutzung hing deutlich negativ mit der Distanzierung zusammen. Der Druck wirkte dabei über das konkrete Verhalten: Wer den Drang spürte, griff zum Telefon, und wer zum Telefon griff, schaltete schlechter ab. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass die schnelle Antwort auf eine Arbeitsnachricht in der Freizeit eben nicht harmlos ist, auch wenn sie sich so anfühlt.
Speziell für Ferien untersuchte ein Forschungsteam taiwanesische Reisende und unterschied vier Typen: komplett offline, nur von der Arbeit getrennt, passiv mit der Arbeit verbunden und aktiv mit der Arbeit verbunden. Die Studie kam zum Schluss, dass Menschen, die das Smartphone in den Ferien für die Arbeit nutzen, sich weniger von der Arbeit lösen können und danach eine geringere Lebenszufriedenheit berichten.
Interessant ist die Unterscheidung zwischen «komplett offline» und «nur von der Arbeit getrennt». Du musst Dein Telefon nicht im Safe einschliessen. Fotos verschicken, die Fahrpläne der lokalen Schifffahrt nachschauen, mit der Familie telefonieren: Das alles stört die Erholung nicht im gleichen Mass. Das Problem ist der Arbeitskanal.
Grenzkontrolle als Schlüsselkompetenz
Eine weitere Studie liefert einen wichtigen Hinweis für die Praxis. Forschende untersuchten den Zusammenhang zwischen Erreichbarkeitserwartungen, arbeitsbezogener Smartphone-Nutzung und psychologischer Distanzierung. Hohe Erreichbarkeitserwartungen, häufige arbeitsbezogene Smartphone-Nutzung und geringe Grenzkontrolle gingen mit schlechterer Distanzierung einher. Entscheidend war aber der moderierende Effekt: Wer das Gefühl hatte, die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben selbst steuern zu können, litt weniger unter den negativen Folgen.
Daraus folgt: Es geht nicht nur um Disziplin, sondern um Gestaltungsspielraum. Wer selbst bestimmt, ob und wann er Arbeitsnachrichten liest, schützt seine Erholung besser als jemand, der sich von Benachrichtigungen treiben lässt. Konkret heisst das:
Arbeitskonten vom privaten Telefon entfernen oder zumindest abmelden. Nicht nur die Benachrichtigungen ausschalten, sondern den Zugang erschweren.
Abwesenheitsnotiz mit klarer Stellvertretung einrichten. Nicht «ich lese meine Mails sporadisch», sondern «ich lese keine Mails, wende Dich an X».
Einen echten Notfallkanal definieren, zum Beispiel einen Anruf über eine einzige vereinbarte Person, und alle anderen Kanäle schliessen.
Falls Du doch nachschauen musst: ein festes, kurzes Zeitfenster vereinbaren, statt den ganzen Tag in Bereitschaft zu sein. Die ständige Möglichkeit eines Kontakts belastet mehr als ein geplanter Check.
Wenn der Körper in den Ferien streikt
Kennst Du jemanden, der jedes Jahr in der ersten Ferienwoche krank wird? Vielleicht bist Du es selbst. Der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets hat dieses Phänomen 2002 unter dem Namen «Leisure Sickness» beschrieben. In einer repräsentativen niederländischen Stichprobe mit 1’128 Männern und 765 Frauen erkannten sich rund drei Prozent in der Beschreibung wieder: Sie fühlen sich an Arbeitstagen selten krank, an Wochenenden oder in den Ferien aber oft. In Bezug auf Ferien berichteten die Betroffenen häufig von Erkältungen und grippeähnlichen Symptomen. Viele litten schon seit über zehn Jahren darunter, und der Beginn hing oft mit belastenden Lebensphasen zusammen.
Die Datenlage ist dünn, und das Konzept ist in der Fachwelt nicht unumstritten. Spätere Untersuchungen kamen je nach Definition auf sehr unterschiedliche Häufigkeiten. Ein Muster zeigt sich aber konsistent: Laut Van Heck und Vingerhoets bilden Menschen mit hoher Arbeitsbelastung, hohem Engagement und starkem Verantwortungsgefühl die Risikogruppe.
Das passt zum Erholungsparadox. Wer bis zur letzten Minute auf Hochtouren läuft und dann abrupt bremst, gibt seinem Körper wenig Zeit für den Übergang. Die praktische Konsequenz ist einfach: Plane die letzten Tage vor den Ferien nicht als Endspurt, sondern als Auslaufen. Keine wichtigen Termine am letzten Arbeitstag. Keine Präsentation am Freitag und Abflug am Samstag um sechs Uhr früh.
Was das Schweizer Recht dazu sagt
Bevor wir zu den Empfehlungen kommen, ein Exkurs, der vielen nicht bewusst ist: Das Schweizer Arbeitsrecht verbindet mit den Ferien einen klaren Zweck. Gemäss Art. 329a OR haben Arbeitnehmende Anspruch auf mindestens vier Wochen Ferien pro Jahr, bis zum vollendeten 20. Altersjahr auf fünf Wochen. Diese Ferien dienen der Erholung. Deshalb dürfen sie während eines laufenden Arbeitsverhältnisses nicht mit Geld abgegolten werden, und deshalb hast Du Anspruch auf Nachgewährung, wenn Krankheit oder Unfall den Erholungszweck vereiteln. Zudem verlangt das Gesetz, dass mindestens zwei Ferienwochen pro Jahr zusammenhängen.
Was bedeutet das für die Erreichbarkeit? Die Fachliteratur ist sich weitgehend einig. Wie Arbeitsrecht-Aktuell zusammenfasst, lässt sich eine ständige oder regelmässige Erreichbarkeit grundsätzlich nicht mit dem Erholungszweck vereinbaren. Das Obergericht Zug hielt fest, dass eine erwartete ständige Erreichbarkeit in aller Regel eine erhöhte Grundspannung erzeugt. Verlangt der Arbeitgeber ausdrücklich eine ständige Erreichbarkeit, können die betroffenen Tage unter Umständen gar nicht als Ferien gelten. Eine begrenzte Erreichbarkeit für echte betriebliche Notfälle bleibt dagegen zulässig. Und wer freiwillig seine Mails liest, ist rechtlich anders zu beurteilen als jemand, von dem man es erwartet.
Laut Weka gilt das auch für Kaderleute. Die Führungsfunktion hebt den Erholungszweck nicht auf.
Mir ist wichtig, das einzuordnen: Ich bin kein Jurist, und dieser Abschnitt ersetzt keine Rechtsberatung. Aber er zeigt etwas Grundsätzliches. Der Gesetzgeber versteht Ferien nicht als Bonus oder als Freizeit nach Belieben, sondern als Schutz der Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Wenn Du in den Ferien Deine Mails bearbeitest, untergräbst Du also nicht nur Deine eigene Erholung, sondern auch die Idee, auf der Dein Ferienanspruch beruht.
Die Vorfreude zählt mehr als gedacht
Ein Befund aus der Tourismusforschung verändert den Blick auf die Ferienplanung. Jeroen Nawijn und sein Team befragten 1’530 niederländische Erwachsene über mehrere Monate hinweg zu ihrem Wohlbefinden. 974 von ihnen verreisten im Studienzeitraum. Die Studie aus dem Jahr 2010 trägt einen ehrlichen Titel: Ferienreisende sind glücklicher, aber die meisten nicht nach den Ferien.
Die Reisenden zeigten bereits vor der Abreise ein höheres Wohlbefinden als jene, die zu Hause blieben. Die Forschenden führten das auf die Vorfreude zurück. Nach der Rückkehr verschwand der Unterschied bei den meisten Teilnehmenden. Nur jene, die ihre Ferien als sehr entspannend erlebt hatten, profitierten noch eine Weile länger.
Für die Praxis ergeben sich daraus drei Hinweise:
Plane früh. Wenn die Vorfreude einen messbaren Teil des Ferieneffekts ausmacht, verlängerst Du ihn, indem Du Deine Ferien frühzeitig festlegst. Das Schweizer Recht sieht übrigens ohnehin vor, dass Arbeitgeber die Ferien rechtzeitig festlegen.
Verteile Deine Ferien. Mehrere Ferienblöcke über das Jahr verteilt erzeugen mehrere Vorfreudephasen und mehrere Erholungsphasen. Da der Erholungseffekt nach der Rückkehr ohnehin schnell abklingt, gewinnst Du mehr, wenn die Abstände kürzer sind. Gleichzeitig solltest Du mindestens einen Block lang genug halten, um wirklich anzukommen. Die Daten zum Höhepunkt am achten Ferientag sprechen dafür, dass ein langes Wochenende allein nicht genügt.
Entspannung schlägt Programm. Nur die entspannten Reisenden nahmen einen Teil des Effekts mit nach Hause. Ein Ferienprogramm mit Weckzeiten, Pflichtbesichtigungen und Logistikstress kann aufregend sein, erholt aber nicht zwingend. Plane bewusst Tage ohne Programm ein.
Nach den Ferien ist vor dem Fade-out
Der kritischste Moment für Deine Erholung kommt nicht am Strand, sondern am ersten Arbeitstag. Jana Kühnel und Sabine Sonnentag untersuchten 2011, wie lange Lehrpersonen von ihren Ferien profitieren. Zwei Faktoren beeinflussten den Fade-out deutlich: Hohe Arbeitsanforderungen nach den Ferien beschleunigten das Abklingen der positiven Effekte. Entspannungserlebnisse in der Freizeit nach den Ferien verzögerten es. Die Autorinnen folgern, dass weniger Arbeitsdruck und bewusste Entspannung nach der Rückkehr die Wirkung der Ferien verlängern können.
Das klingt banal, hat aber Konsequenzen. Wenn Du nach drei Wochen Abwesenheit mit 400 ungelesenen Mails, fünf Eskalationen und einem vollen Kalender zurückkommst, sorgst Du selbst dafür, dass Deine Erholung innert Tagen verschwindet. Die Ferien haben dann zwar stattgefunden, aber ihr Nutzen hält kaum länger als die Sonnenbräune.
Was hilft konkret?
Einen Puffertag einplanen. Komm nicht am Sonntagabend zurück und starte am Montag um acht. Ein freier Tag zu Hause zwischen Reise und Arbeit senkt den Druck.
Den ersten Arbeitstag blocken. Keine Meetings, keine Termine. Der Tag gehört der Orientierung: Übergabe einholen, Prioritäten klären, Mails sichten.
Die erste Woche bewusst leichter planen. Keine grossen Deadlines unmittelbar nach den Ferien.
Die Feriengewohnheiten mitnehmen. Wenn Du in den Ferien jeden Abend spazieren warst, behalte das bei. Die Studie von Kühnel und Sonnentag zeigt, dass Entspannung nach den Ferien den Effekt konserviert.
Ein randomisiertes Studienprotokoll zur App «Holidaily» setzt genau hier an. Die Intervention soll Arbeitnehmende nach den Ferien dabei unterstützen, Erholungsverhalten in den Alltag zu übertragen und so gedankliches Kreisen um die Arbeit zu reduzieren. Das zeigt, dass die Forschung den Übergang zurück in den Alltag inzwischen als eigenständige Phase der Erholung versteht.
Was wirklich wichtig ist: Die drei Phasen der Erholung
Fassen wir die Erkenntnisse in eine praktische Struktur. Erholung durch Ferien hat drei Phasen, und jede verdient Aufmerksamkeit.
Vor den Ferien
Früh planen und buchen. Die Vorfreude ist Teil des Effekts.
Offene Schleifen schliessen. Nicht durch Erledigen, sondern durch Planen. Für jede offene Aufgabe festhalten, wer übernimmt und was Dein erster Schritt nach der Rückkehr ist.
Stellvertretung klären und kommunizieren. Wer entscheidet was in Deiner Abwesenheit? Je klarer die Befugnisse, desto seltener die Anrufe.
Auslaufen statt Endspurt. Die letzten zwei Tage ohne grosse Termine. Wer abrupt bremst, riskiert, dass der Körper in den Ferien nachholt, was er im Alltag unterdrückt hat.
Technik vorbereiten. Arbeitskonten auf dem privaten Telefon abmelden, Abwesenheitsnotiz mit klarer Stellvertretung setzen, Notfallkanal definieren.
Während den Ferien
Gedanklich abschalten ist wichtiger als geografisch wegfahren. Die Distanz zum Büro in Kilometern sagt wenig über die psychologische Distanz.
Alle vier Erholungserlebnisse bedienen: Ruhe für die Entspannung, etwas Neues für das Kompetenzerleben, freie Zeiteinteilung für die Kontrolle und vor allem Abstand von der Arbeit.
Das Smartphone nicht verbannen, sondern den Arbeitskanal schliessen. Fotos, Karten und Familie: ja. Mails und Chat-Tools der Arbeit: nein.
Programm dosieren. Nicht jeder Tag braucht ein Ziel.
Lange genug bleiben. Mindestens ein Ferienblock pro Jahr sollte über eine Woche hinausgehen, damit Du den Höhepunkt der Erholung überhaupt erreichst.
Nach den Ferien
Puffertag vor dem Arbeitsbeginn.
Erster Arbeitstag ohne Termine.
Die erste Woche bewusst entlasten.
Erholungsgewohnheiten aus den Ferien in den Alltag übertragen.
Die nächsten Ferien planen. Die nächste Vorfreude beginnt mit der nächsten Buchung.
Was Führungskräfte beitragen können
Ein Gedanke zum Schluss dieses Teils, der über die individuelle Ebene hinausgeht. Viele der genannten Faktoren liegen nicht allein in Deiner Hand. Erreichbarkeitserwartungen entstehen im Team und in der Organisation. Eine spanische Studie untersuchte gezielt, welche Rolle die Distanzierungsfähigkeit von Führungspersonen für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden spielt. Die Fragestellung allein zeigt: Führung prägt die Erholungskultur mit.
Wer führt, sollte deshalb drei Dinge tun: selbst in den Ferien nicht erreichbar sein, keine Nachrichten an Mitarbeitende in deren Ferien schicken und die Arbeit nach den Ferien so verteilen, dass niemand in einem Berg aus Rückständen versinkt. Das ist keine Wohlfühlmassnahme, sondern Risikomanagement. Ein Team, das sich nicht erholt, macht mehr Fehler und fällt häufiger aus.
Abschliessende Gedanken
Ich halte die ständige Erreichbarkeit in den Ferien für eines der grössten Selbsttäuschungsmanöver der modernen Arbeitswelt.
Wer in den Ferien Mails beantwortet, erzählt sich gern eine Geschichte von Verantwortung. Man will das Team nicht hängen lassen. Man will keine Überraschungen bei der Rückkehr. Man ist eben engagiert. Ich glaube diese Geschichte nicht mehr. In den meisten Fällen steckt dahinter etwas anderes: die Angst, dass es ohne einen selbst auch geht. Oder die Sorge, dass es ohne einen selbst eben nicht geht, weil man es versäumt hat, Wissen zu teilen und Entscheidungen zu delegieren.
Beides ist kein Zeichen von Engagement. Beides ist ein Organisationsproblem. Wenn ein Team zwei Wochen ohne eine bestimmte Person nicht funktioniert, dann hat dieses Team ein Klumpenrisiko, und das Smartphone am Strand kaschiert dieses Risiko nur. Die ehrliche Antwort lautet nicht «ich bleibe erreichbar», sondern «ich sorge dafür, dass ich ersetzbar bin». Das ist unbequemer, weil es Vorbereitung erfordert und am eigenen Selbstbild kratzt. Aber es ist die einzige Lösung, die nachhaltig funktioniert.
Mich stört auch, wie wir über Ferien reden. Wir behandeln sie als Belohnung für geleistete Arbeit, als etwas, das man sich verdienen muss. Das Schweizer Obligationenrecht sieht das anders, und die Forschung auch. Ferien sind Wartung. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt über Jahre hinweg gute Arbeit leisten können. Wer die Wartung ausfallen lässt, spart nicht Zeit, sondern verschiebt den Ausfall auf später.
Und noch etwas: Die Daten zum Fade-out sollten uns weniger über Ferien als über unseren Arbeitsalltag zu denken geben. Wenn der Erholungseffekt von zwei oder drei Wochen nach wenigen Tagen im Büro verschwunden ist, dann liegt das Problem nicht an den Ferien. Dann liegt es an einem Alltag, der Erholung systematisch aufbraucht. Ferien können einen dauerhaft überlastenden Job nicht kompensieren. Sie können ihn höchstens erträglich machen. Wer sich jedes Jahr auf die Ferien rettet, sollte sich fragen, wovor er sich eigentlich rettet.
Deshalb meine Herausforderung an Dich: Nimm Dir vor Deinen nächsten Ferien eine Stunde Zeit. Nicht für die Packliste, sondern für die Übergabe. Schreib auf, was offen ist, wer übernimmt und was Dein erster Schritt nach der Rückkehr ist. Lösch die Arbeitskonten vom Telefon. Sag Deinem Team, dass Du nicht erreichbar bist, und halte Dich daran. Und dann beobachte, was passiert.
Meine Vermutung: Die Welt dreht sich weiter. Dein Team findet Lösungen, an die Du nicht gedacht hast. Und Du kommst zurück und bist zum ersten Mal seit Jahren tatsächlich erholt.
Falls nicht, hast Du immerhin etwas Wichtiges über Deine Organisation gelernt.
Quellen


