Eine Frau Mitte vierzig sitzt zum dritten Mal in ihrem Leben in einer psychiatrischen Abklärung. In ihrer Akte stehen bereits zwei Diagnosen: rezidivierende Depression mit 28, Borderline-Persönlichkeitsstörung mit 34. Zwei Therapien hat sie absolviert, mehrere Medikamente ausprobiert. Geholfen hat wenig. Diesmal stellt die Fachärztin andere Fragen. Nicht: «Wie fühlst du dich?» Sondern: «Wie viel Energie kostet dich ein normales Gespräch? Was machst du, wenn du alleine bist und niemand zuschaut?» Nach mehreren Sitzungen steht eine neue Diagnose im Bericht: Autismus-Spektrum-Störung. Die Frau ist 46 Jahre alt. Sie hat ein halbes Leben mit falschen Etiketten verbracht.
Diese Geschichte ist konstruiert. Aber sie folgt einem Muster, das die Forschung inzwischen präzise beschreibt. Recherchen wie jene des österreichischen Zimt Magazins dokumentieren Fall um Fall: Viele Autistinnen und Autisten erhalten zuerst Fehldiagnosen wie Borderline oder Depression, bevor jemand die eigentliche Ursache erkennt. Fachpersonen berichten von erwachsenen Frauen mit einer langen Vorgeschichte von Fehldiagnosen: posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Borderline.
Was hier passiert, ist kein Einzelversagen einzelner Ärztinnen und Ärzte. Es ist ein Systemfehler mit Geschichte. Und er löst sich gerade auf – mit Folgen, die weit über die Psychiatrie hinausreichen: in Familien, in Teams, in die Arbeitswelt.
Der Boom in Zahlen: Diagnosen bei Erwachsenen explodieren
Zuerst die Fakten. Die Zahl der Neurodiversitäts-Diagnosen im Erwachsenenalter steigt steil an. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland wertete bundesweite Abrechnungsdaten von 2015 bis 2024 aus. Das Ergebnis: Die Zahl der jährlichen ADHS-Neudiagnosen bei Erwachsenen hat sich seit 2015 fast verdreifacht, von 8,6 auf 25,7 Fälle pro 10’000 Erwachsene.
Besonders aufschlussreich ist, wer diese Diagnosen erhält. 2015 bekamen noch 11,1 von 10’000 Männern eine Neudiagnose, aber nur 6,7 von 10’000 Frauen. 2024 lagen die Werte bei 26,9 gegenüber 24,8. Bei jüngeren Frauen fiel der Anstieg besonders stark aus, sodass 2024 kaum noch ein Unterschied zwischen den Geschlechtern bestand. Der historische Geschlechterunterschied in der ADHS-Diagnostik schmilzt vor unseren Augen weg. Das ist kein Modephänomen. Das ist eine Korrektur.
Beim Autismus zeigt sich derselbe Trend. Während 2006 nur 0,2 Prozent der bei der AOK versicherten Kinder und Jugendlichen eine Autismusdiagnose hatten, waren es 2023 knapp ein Prozent. Zwischen 2013 und 2022 verdoppelte sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit einer ASS-Diagnose von 0,4 auf 0,8 Prozent. Fachleute wie die Bonner Psychiatrie-Professorin Alexandra Philipsen ordnen den Anstieg ein: Das Bewusstsein in Praxen und Ambulanzen steigt. Menschen, die bisher unterdiagnostiziert waren, werden nun diagnostiziert und behandelt. Das ist eine positive Entwicklung, denn ADHS geht mit vielen Komorbiditäten einher und wirkt sich auf Sterblichkeit und Unfallraten aus.
Wer bei diesen Zahlen reflexartig «Modediagnose» ruft, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Prävalenz der zugrunde liegenden neurologischen Merkmale hat sich nicht verdreifacht. Was sich verändert hat, ist die Fähigkeit des Systems, Menschen zu erkennen, die es vorher übersehen hat. Die spannende Frage lautet also nicht: Warum gibt es plötzlich so viele Diagnosen? Sondern: Warum gab es so lange so wenige – und wen genau hat das System übersehen?
Der Konstruktionsfehler: Diagnostik, gebaut für achtjährige Buben
Die Antwort beginnt in der Geschichte der Diagnostik selbst. Die klassischen Beschreibungen von Autismus stammen aus den 1940er-Jahren und basierten überwiegend auf der Beobachtung von Buben. Auch die späteren Diagnosekriterien, Screening-Instrumente und Fallvignetten orientierten sich an diesem Bild: der Bub, der nicht spricht, der Zugfahrpläne auswendig lernt, der bei Veränderungen ausrastet. Beim ADHS dominierte der «Zappelphilipp»: hyperaktiv, impulsiv, störend im Klassenzimmer.
Wer nicht in dieses Raster passte, fiel durch. Und durch das Raster fielen systematisch zwei Gruppen: Mädchen und Frauen, deren Symptome sich nach innen richten statt nach aussen, und intelligente Kinder beider Geschlechter, die ihre Schwierigkeiten kompensieren konnten. Eine italienische Studie zu Geschlechterunterschieden bei Fehldiagnosen fasst den Forschungsstand zusammen: Mehrere Studien belegen die komplexere Präsentation von Autismus bei Frauen und ihre höhere Wahrscheinlichkeit, autistische Symptome zu verbergen. Diese Tarnung in einer neurotypischen Umgebung behindert den Diagnoseprozess. Bestimmte psychische Störungen wie Anorexie, Borderline-Persönlichkeitsstörung und soziale Phobie wurzeln oft in unerkanntem Autismus und bleiben hinter komorbiden Störungen verborgen.
Der Mechanismus ist tückisch. Diagnostische Instrumente messen beobachtbares Verhalten. Doch genau das Verhalten, auf dem die Kriterien beruhen, nämlich sichtbare soziale Auffälligkeit, ist das, was ein Leben voller Tarnung zu verbergen gelernt hat. Je besser jemand zurechtkommt, desto weniger schlägt ein verhaltensbasiertes Instrument an. Das System belohnt also ausgerechnet jene mit Unsichtbarkeit, die am härtesten daran arbeiten, normal zu wirken.
Beim ADHS läuft derselbe Film. Kompensation durch ein unterstützendes Umfeld oder hohe Intelligenz gilt als zentraler Mechanismus, durch den ADHS-Präsentationen in der Kindheit unerkannt bleiben. Das Mädchen, das im Unterricht träumt statt stört, gute Noten schreibt und abends drei Stunden für Hausaufgaben braucht, für die andere dreissig Minuten benötigen, erfüllt kein einziges Kriterium der klassischen Checkliste. Es leidet trotzdem.
Masking: Was die Forschung über das Tarnen weiss
Der Fachbegriff für dieses Verbergen lautet Masking oder Camouflaging. Lange existierte das Phänomen nur in Erfahrungsberichten Betroffener. Das änderte sich 2017 mit einer qualitativen Studie von Laura Hull und Kollegen mit dem sprechenden Titel «Putting on my best normal». Die Studie etablierte, dass viele autistische Erwachsene ihre autistischen Merkmale bewusst und unbewusst unterdrücken, um in sozialen Situationen zu bestehen. Spätere qualitative Arbeiten beschreiben Masking nicht als Eigenheit, sondern als nahezu konstanten Lebenszustand.
2019 folgte der entscheidende Schritt: die Entwicklung eines Messinstruments. Der Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q) entstand aus den Masking-Erfahrungen autistischer Erwachsener und wurde online an 354 autistische und 478 nicht-autistische Erwachsene verabreicht. Der Fragebogen unterscheidet drei Strategien: Kompensation, also Wege um soziale und kommunikative Schwierigkeiten herum zu finden, Maskierung im engeren Sinn, also das Unterdrücken auffälliger Verhaltensweisen, und Assimilation, also das erzwungene Mitspielen in sozialen Situationen. Ein Beispiel-Item lautet: «In meinen sozialen Interaktionen verwende ich Verhaltensweisen, die ich durch das Beobachten anderer Menschen gelernt habe».
Mit dem CAT-Q liess sich erstmals quantitativ prüfen, was Betroffene seit Jahren berichteten. Die Ergebnisse:
Erstens: Frauen maskieren messbar mehr. Die Forschung belegt, dass autistische Frauen Camouflaging deutlich stärker einsetzen als autistische Männer. Bei nicht-autistischen Frauen und Männern fanden Studien hingegen keine Unterschiede, was darauf hindeutet, dass die Geschlechterdifferenz im Camouflaging spezifisch für Autismus ist. Das ist der empirische Kern der Erklärung, warum Frauen später oder gar nicht diagnostiziert werden.
Zweitens: Masking macht krank. Bei autistischen Menschen korrelieren der CAT-Q-Gesamtwert und der Assimilationswert negativ mit dem Wohlbefinden. Je höher die Werte, desto niedriger das Wohlbefinden. Zudem korrelieren alle CAT-Q-Werte mit Depression und generalisierter Angst. Hull und Kollegen bestätigten diesen Zusammenhang 2021 in einer eigenen Studie zu Camouflaging, Angst und Depression. Wer dauerhaft eine Rolle spielt, bezahlt mit seiner psychischen Gesundheit.
Drittens: Masking ist keine freie Entscheidung. Eine Studie auf Basis der Social Identity Theory untersuchte den Zusammenhang zwischen Camouflaging und Stigma. 223 autistische Erwachsene füllten Fragebögen zu wahrgenommenem Autismus-Stigma, Bewältigungsstrategien, Camouflaging und psychischem Wohlbefinden aus. Höheres Camouflaging hing positiv mit erlebtem Autismus-Stigma zusammen. Menschen maskieren, weil sie erfahren haben, dass ihr echtes Ich sanktioniert wird. In der Schule, im Büro, in der Familie.
Viertens: Auch ADHS-Betroffene maskieren. Lange galt Camouflaging als autismusspezifisch. Eine niederländische Studie von 2024 verglich erstmals systematisch. Camouflaging ist nicht einzigartig für autistische Erwachsene. Auch Erwachsene mit ADHS zeigen Masking-Verhalten, wenn auch nicht so ausgeprägt wie autistische Erwachsene. Wer je erlebt hat, wie eine Kollegin mit unerkanntem ADHS ihre Vergesslichkeit hinter einem Arsenal von Listen, Erinnerungen und Entschuldigungen versteckt, wundert sich über dieses Resultat nicht.
Die Fehldiagnose-Falle: Depression, Borderline, Essstörung
Jetzt fügt sich das Bild zusammen. Was passiert mit einem Menschen, der jahrzehntelang maskiert? Er erschöpft sich. Er entwickelt Ängste. Er zweifelt an sich, weil alles, was anderen leichtfällt, ihn Kraft kostet. Irgendwann sucht er Hilfe. Und dann sieht die Fachperson genau das, was die Forschung als Folgeerscheinungen des Maskierens beschreibt: Erschöpfung und Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, niedriges Selbstwertgefühl, Motivationsverlust und zunehmenden sozialen Rückzug. All das wird oft mit Depressionen verwechselt. Starke Gefühlsausbrüche, impulsives Verhalten, Konflikte in Beziehungen oder selbstverletzendes Verhalten erinnern hingegen an Borderline.
Die Diagnostik behandelt die Symptome der Überlastung als eigenständige Krankheit und übersieht die Ursache darunter. Die Depression ist real. Aber sie ist die Folge, nicht die Wurzel.
Wie gross die Überschneidung zwischen Borderline und Autismus tatsächlich ist, zeigt eine Studie der Universität Freiburg mit 38 Borderline-Patientinnen. Die explorative Auswertung ergab, dass fast die Hälfte der Borderline-Patientinnen den Cut-off-Wert im Autism Spectrum Quotient überschritt und autistische Züge in einer Subgruppe der Betroffenen ausgeprägt zu sein scheinen. Fast die Hälfte. Umgekehrt gilt: Borderline zählt zu den häufigsten Fehldiagnosen bei Menschen mit Autismus.
Ein weiteres Problem verschärft die Lage: die Qualität des diagnostischen Prozesses selbst. Viele Diagnosen entstehen nach einem 30-minütigen Erstgespräch, ohne tiefere Lebensgeschichte, ohne systematische Abwägung, ohne Raum für Widersprüche. Gerade bei Erwachsenen, die gelernt haben, sich gut zu maskieren, ist die Gefahr gross, dass wichtige Symptome übersehen oder falsch interpretiert werden. Wer in dreissig Minuten über eine Diagnose entscheidet, die ein Leben prägt, arbeitet mit derselben Sorgfalt wie jemand, der eine Softwarearchitektur nach einem Blick auf den Startbildschirm beurteilt.
Bei Mädchen kommt eine weitere Dimension hinzu. Die Autorin und selbst spät diagnostizierte Autistin Birke Opitz-Kittel beschreibt die Folgen der Fehldiagnostik drastisch: Schwere Depressionen, Angststörungen, Borderline, selektiver Mutismus. Heranwachsende Mädchen verstehen ihre körperlichen Veränderungen nicht und versuchen, sie durch krankhaftes Hungern zu unterdrücken. Die Ärzte sehen zu häufig nur die Symptome, verstehen aber nicht, woher die Krankheiten kommen. Ihr Fazit nach der eigenen Diagnose mit 37: «Noch immer wird der männliche autistische Massstab angelegt, und viele autistische Frauen fallen durch das Raster».
Die Rechnung dieser Fehldiagnosen bezahlen die Betroffenen: mit Jahren in Therapien, die am Ziel vorbeigehen, mit Medikamenten gegen Krankheiten, die sie nicht haben, und mit der zermürbenden Erfahrung, dass keine Behandlung wirklich greift.
Der Kipppunkt: Wenn die Kompensation zusammenbricht
Warum fliegt das System gerade jetzt auf, und warum trifft die Erkenntnis so viele Menschen mitten im Leben? Die Forschung liefert eine präzise Antwort: Kompensation funktioniert, bis sie nicht mehr funktioniert. Die Fähigkeit zur Bewältigung kollabiert typischerweise an Übergängen: Studium, beruflicher Aufstieg, Elternschaft. Dann verändert sich die äussere Struktur, und die kognitiven Anforderungen übersteigen das, was Kompensation leisten kann.
Solange das Leben in stabilen Bahnen verläuft, tragen Routinen, ein verständnisvolles Umfeld oder schlicht überdurchschnittliche Intelligenz die Person durch den Alltag. Ein neuer Job mit Führungsverantwortung, ein Kind, das den letzten Rest an Erholungszeit auffrisst, ein Umzug: Jeder dieser Übergänge kann das fragile Gleichgewicht kippen. Was folgt, beschreibt die Forschung inzwischen als eigenständiges Syndrom. Autistischer Burnout umfasst tiefgreifende Erschöpfung, den Verlust von Fähigkeiten und erhöhte Empfindlichkeit als Folge von chronischem Lebensstress und einer anhaltenden Diskrepanz zwischen Erwartungen und Kapazität ohne angemessene Unterstützung. Für Erwachsene mit ADHS wurde ein paralleles Muster zyklischer Erschöpfung beschrieben: Phasen hyperfokusgetriebener Leistung, gefolgt von funktionalem Zusammenbruch.
Opitz-Kittel bringt das Muster auf einen Satz: «Es ist nicht gut, von Event zu Event zu gehen und dann zuhause zusammenzubrechen.»Genau an diesem Punkt, oft nach dem zweiten oder dritten Zusammenbruch, landen viele Betroffene endlich bei einer Fachperson, die die richtigen Fragen stellt. Dass immer mehr Fachpersonen diese Fragen stellen, erklärt den Diagnostik-Boom besser als jede These über Social-Media-Trends.
Die Entlastung: Endlich ergibt die Biografie Sinn
Was macht eine Diagnose mit einem Menschen, der 30, 40 oder 50 Jahre lang glaubte, einfach falsch zu sein? Die qualitative Forschung zeichnet ein differenziertes Bild, und es beginnt fast immer mit Erleichterung.
Eine britische Studie mit spät diagnostizierten Frauen mit ASS und ADHS dokumentiert, wie die Diagnose die eigene Lebensgeschichte neu ordnet. Plötzlich ergeben Dinge Sinn: die Erschöpfung nach sozialen Anlässen, die gescheiterten Therapien, das lebenslange Gefühl, ein Regelbuch zu lesen, das alle anderen auswendig kennen. Eine Betroffene beschreibt es so: «Du siehst, wie andere zwischenmenschliche Regeln befolgen, die du nicht verstehst. Du versuchst, sie zu kopieren. Aber für dich ist das Regelbuch nicht zu entschlüsseln.»
Die Diagnose ersetzt eine moralische Erklärung durch eine neurologische. Aus «ich bin faul, überempfindlich, schwierig» wird «mein Gehirn verarbeitet Informationen anders». Das ist keine Ausrede, sondern eine korrekte Attribution. Und korrekte Attributionen sind die Voraussetzung für wirksame Veränderung. Wer weiss, dass Grossraumbüros ihn wegen sensorischer Verarbeitung erschöpfen und nicht wegen mangelnder Teamfähigkeit, kann gezielt handeln statt sich weiter zu verurteilen.
Eine australische Studie mit spät diagnostizierten Frauen, deren mediales Diagnosealter bei 47,5 Jahren lag, beschreibt den emotionalen Verlauf nach der Diagnose als Bogen: Die Frauen bewegten sich durch sieben Themen von Frustration, Angst und Trauer hin zur «Erleichterung der Authentizität» sowie zu «Stolz und Zugehörigkeit in der Gemeinschaft». Der Endpunkt ist bemerkenswert: nicht Resignation, sondern Zugehörigkeit. Viele Betroffene finden nach der Diagnose erstmals eine Community, in der sie sich nicht erklären müssen.
Auch praktisch verändert die Diagnose viel. Eine akkurate Diagnose ermöglicht Selbstverständnis, passgenaue Unterstützung und reduziert Burnout. Medikamente gegen ADHS wirken, wo Antidepressiva jahrelang versagten. Arbeitsplatzanpassungen werden verhandelbar. Und die Beziehung zu sich selbst verändert sich fundamental.
Die Identitätskrise: Wer bin ich ohne Maske?
Doch wer die Spätdiagnose nur als Befreiungsgeschichte erzählt, unterschlägt die andere Hälfte. Die Forschung ist hier deutlich: Für Menschen, die Jahre oder Jahrzehnte damit verbracht haben, eine funktionierende Identität rund um das Maskieren zu konstruieren, fügt eine späte Diagnose nicht einfach Information hinzu. Sie stellt die Grundfesten der Selbstwahrnehmung infrage.
Denn die Maske war nie nur Fassade. Über Jahrzehnte war sie die Schnittstelle zur Welt: Beruf, Freundschaften, Partnerschaft – alles entstand durch sie und mit ihr. Wer nun erfährt, dass die Anstrengung dahinter kein Charakterfehler war, sondern Kompensation, muss die eigene Biografie neu schreiben. Forschung zu spät diagnostizierten älteren Erwachsenen beschreibt diesen Prozess explizit: Erwachsene, die im späteren Leben eine Autismus-Diagnose erhalten, durchlaufen oft eine bedeutende Phase der Identitätsrekonstruktion, in der sie das neue Verständnis in ihre persönlichen und sozialen Narrative integrieren. Für viele bringt die späte Diagnose die tiefgreifende Erkenntnis, unwissend einen Grossteil ihres Lebens mit Autismus gelebt zu haben.
Zu dieser Rekonstruktion gehört Trauer. Trauer um das Kind, das Unterstützung gebraucht und Kritik bekommen hat. Trauer um Berufswege, die an unerkannten Hürden scheiterten. Trauer um Beziehungen, die an der Erschöpfung zerbrachen. Und eine leise, bohrende Frage: Wie wäre mein Leben verlaufen, hätte es jemand früher gesehen? Opitz-Kittel formuliert es nüchtern: «Wäre es früher gewesen, hätte ich mir vieles erspart.»
Wie gut ein Mensch diese Krise bewältigt, ist keine Nebensache, sondern messbar relevant. Die Forschung zeigt, dass die persönliche Identität nach einer Autismus-Diagnose signifikant mit Selbstwert und psychischer Gesundheit zusammenhängt. Britische Forschende ergänzen eine wichtige Nuance: Sie stellten den Nutzen des neuen Selbstverständnisses der «Last eines Labels» gegenüber und identifizierten den Faktor Bereitschaft: Dieselbe Diagnose wirkt völlig unterschiedlich, je nachdem, ob eine Person vorbereitet ist, sie zu empfangen.
Das hat praktische Konsequenzen. Eine Spätdiagnose ist kein Endpunkt, sondern der Beginn eines mehrjährigen Prozesses. Wer diesen Prozess alleine durchläuft, ohne Begleitung, ohne Community, ohne informiertes Umfeld, trägt ein höheres Risiko, in der Trauerphase stecken zu bleiben. Diagnostik ohne anschliessende Unterstützung ist deshalb nur die halbe Arbeit.
Was das für Diagnostik, Umfeld und Arbeitswelt bedeutet
Aus der Forschung lassen sich drei Konsequenzen ableiten.
Für die Diagnostik: Die Instrumente müssen die weibliche und die maskierte Präsentation abbilden. Der CAT-Q zeigt, dass sich Masking messen lässt. Der Fragebogen kann autistische Personen identifizieren, die aufgrund ihrer Maskierungsfähigkeit die Diagnosekriterien aktuell nicht erfüllen. Fachgesellschaften und Ausbildungsgänge müssen dieses Wissen in die Breite tragen. Die Forderung aus der Praxis ist eindeutig: Mehr Klinikerinnen und Kliniker müssen darin geschult werden, Autismus bei Frauen zu erkennen.
Für das Umfeld: Wer eine Person kennt, die im Erwachsenenalter eine Diagnose erhalten hat, sollte zwei Dinge verstehen. Erstens: Die Person hat sich nicht verändert, nur die Erklärung hat sich verändert. Zweitens: Der Satz «Das hätte ich nie gedacht, du wirkst so normal» ist kein Kompliment. Er bestätigt der Person, dass ihre jahrzehntelange, erschöpfende Maskierungsarbeit funktioniert hat. Genau diese Arbeit hat sie krank gemacht.
Für die Arbeitswelt: Die Spätdiagnostizierten von heute sitzen längst in unseren Teams. Es sind häufig die Zuverlässigen, die Detailgenauen, die stillen Leistungsträgerinnen, deren Erschöpfung niemand sieht, weil sie gelernt haben, sie zu verbergen. Je besser jemand maskiert, desto leichter bleibt die Neurodivergenz unbemerkt. Wer an der Oberfläche gut zurechtkommt, fliegt unter dem Radar. Führungskräfte, die psychologische Sicherheit ernst meinen, schaffen Bedingungen, unter denen niemand eine Maske braucht, um dazuzugehören: klare Kommunikation, Rückzugsmöglichkeiten, Ergebnisorientierung statt Präsenzkultur. Davon profitieren übrigens alle, nicht nur Neurodivergente.
Abschliessende Gedanken
Ich sage es direkt: Der Begriff «Modediagnose» gehört auf den Müll. Wer ihn verwendet, erklärt Millionen von Menschen, ihre nachgewiesene, jahrzehntelang übersehene Neurodivergenz sei ein Lifestyle-Accessoire. Die Daten erzählen eine andere Geschichte. Neudiagnosen bei erwachsenen Frauen explodieren nicht, weil TikTok existiert. Sie explodieren, weil ein diagnostisches System, das achtzig Jahre lang auf achtjährige Buben geeicht war, endlich korrigiert wird. Das ist keine Inflation. Das ist nachgeholte Gerechtigkeit.
Was mich an dieser Geschichte am meisten beschäftigt, ist der Preis der Anpassung. Wir haben eine Gesellschaft gebaut, die Menschen dafür belohnt, sich selbst zu verleugnen, und sie dann dafür bestraft, dass sie daran zerbrechen. Die Frau, die dreissig Jahre lang perfekt funktioniert und dabei drei Fehldiagnosen, zwei Burnouts und ein zerstörtes Selbstbild angesammelt hat, ist kein medizinischer Einzelfall. Sie ist das Produkt eines Systems, das Symptome behandelt und Ursachen ignoriert, weil Ursachenforschung Zeit kostet und Zeit im Gesundheitswesen nicht vergütet wird.
Und noch etwas stört mich: die Selbstgerechtigkeit, mit der Teile der Fachwelt und der Öffentlichkeit auf spät Diagnostizierte herabschauen. Dieselben Leute, die jahrzehntelang niemanden erkannt haben, beklagen jetzt, dass zu viele erkannt werden. Das ist, als würde die Feuerwehr, die den Brand übersehen hat, sich über die vielen Notrufe beschweren.
Ich glaube, wir stehen erst am Anfang. Die Masking-Forschung ist jung, die Instrumente werden besser, und mit jeder Diagnose wächst das Wissen darüber, wie viele Lebensläufe das alte Raster zerschnitten hat. Wer heute in Diagnostik, Therapie, Schule oder Führung Verantwortung trägt, hat keine Ausrede mehr. Das Wissen liegt vor. Die Frage ist nur noch, ob wir es anwenden oder ob die nächste Generation maskierter Kinder wieder dreissig Jahre auf die richtige Erklärung warten muss.
Meine Haltung ist klar: Jede Spätdiagnose ist ein Erfolg für die betroffene Person und gleichzeitig ein Armutszeugnis für das System, das sie so lange übersehen hat. Feiern wir das Erste. Und beheben wir das Zweite.


